Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Die Hochschulen in Palästina und Babylon
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 5)
- Language
- German
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87 gnade war, die also Begabten sich auf die Ausübung ihres Amtes gewissenhaft vorbereiten. Dieser Vorbereitung dienten Prophetenvereine und nicht Prophetenschulen. Die Bibel, die Bezeichnungen für Lehrer und Schüler hat, besitzt keinen Ausdruck für Schule, sie spricht blos von Prophetenjüngern und kennt nur einen Prophetenbund. Man dürfte allenfalls noch von einer Prophetenschule des Jesaias sprechen, denn dieser Redegewaltige nennt seine Jünger: Kinder, die Gott chm gegeben. Doch läßt uns gerade Jesaias keinen Augenblick im Zweifel darüber, daß Gott diesen Jüngern das Ohr geöffnet hatte, lange bevor sie zu ihm, dem Propheten, gekommen waren. Gewiß bildete auch im alten Israel jede hervorragende Persönlichkeit einen Mittelpunkt, um den die höher Strebenden sich sammelten, und ganz besonders ist die Spruchweisheit in diesen Kreisen gepflegt worden. Das alte Israel hatte seine Propheten und seine Sänger, die insofern eine Schule bildeten, als chre Richtung die herrschende geworden; denn so verschieden auch Prophetie und Poesie ihrem Wesen nach sind, haben sie doch das Eine gemeinsam, daß sie weder gelehrt noch erlernt werden können. Von Prophetenschulen zu reden ist nur in dem gleichen Sinne statthaft wie von Dichterschulen. Das ganze Bildungs- und Erziehungswesen des jüdischen Volkes war derartig, daß es sich ohne öffentliche Schulen ausgestalten konnte; trotzdem paßt das Wort unserer Alten, Jerusalem sei aus Mangel an Schulen zu Grunde gegangen, besser auf die Zerstörung durch Nebukadnezar als auf jene durch Titus. Freilich bestand die Hauptsünde nicht darin, daß man die Schulen geschlossen hatte, sondern weit mehr darin, daß man die Schule, deren das Volk der Religion bedurfte, zu eröffnen gar nicht in die Lage kam. Die Moses-Lehre, die sich selber als das Erbe der Gemeinde Jakobs bezeichnet, ist ein Gegenstand des Studiums und der Forschung, dem soweit es sich um die unermeßliche Tiefe handelt, kaum ein zweiter an die Seite gestellt werden darf. Man wird eher das Meer als die Gotteslehre ganz ergründen. Seit Jahrtausenden holt der jüdische Geist immer neue Schätze aus den Tiefen nicht des Gesetzes, wie man gern das Wort haben möchte, sondern der Lehre herauf; seit Jahrtausenden ist das Thorah-