Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 86

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
2 (1899)
Article
Die Hochschulen in Palästina und Babylon
Date
1899-01-01
Page
Seite 86 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3111067-3111070-3111588--0462-3111723
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

86 spannenden Universalismus des jüdisch-nationalen Gepräges nicht entbehren kann und darf. Israel ist das klassische Volk der Religion; als solches durste es keine ausschließlich nationale Zwecke und Ziele verfolgen, als solches mußte es auf eine vorwiegend religiöse Erziehung seiner Jugend bedacht sein. Mcht sür die Größe des Vaterlandes, sondern für die Größe des Schöpfers, nicht für die Macht des Staates, sondern für die Allmacht Gottes sollten die Kinder begeistert, nicht dem Gesammtwillen der Nation, sondern dem Willen Gottes der Einzelwille untergeordnet werden; deshalb war die Gottesfurcht der Anfang aller Staats- und Lebensweisheit. Der Anfang wohl, aber nicht das Ende. Denn der reine und wahre Gottesglaube hatte die Aufgabe, den Verstand zu erleuchten, den Blick zu schärfen und den Gesichtskreis zu erweitern. Propheten und Priester sorgten für die fortschreitende Bildung des Volkes, und gerade der Umstand, daß diese Volksredner und Volksbildner nicht aus Gelehrtenfchulen hervorgegangen waren, hatte zur Folge, daß die allgemeine Bildung des Volkes in allen seinen Theilen ebenso hoch wie gleichmäßig war. Demnach ist für die ganze Geschichtsepoche vor dem babylonischen Exil das Nichtvorhandensein der Hochschulen ebenso bezeichnend wie das der Volksschulen. Man hat zwar die längste Zeit hindurch der Ansicht gehuldigt, Samuel habe in Ramah eine Prophetenschule gegründet, schließlich sah man sich aber genöthigt, diese Meinung als irrige aufzugeben. Es genügt ja, sich daraus zu besinnen, daß die Prophetie, wie Samuel selber sie auffaßt, nicht das Produkt der Reflexion und des Studiums ift, sondern die Wirkung des den Befähigten mit Allgewalt ergreifenden Gottesgeistes und Jeder muß zugeben, daß die Prophetie Jemandem zu lehren eine Unmöglichkeit ist. Nein, die Jünger, die sich zu Ramah um Samuel versammelten, und ebenso jene, welche sich später in Bethel, Gilgal, Jericho und in der Jordansau um Elias schaarten, waren, lange bevor sie sich daselbst eingefunden, vom Gottesgeiste ergriffen. Auch der begabteste und sittlich noch so hochstehende junge Mann konnte nur unmittelbar von Gott selber zum Propheten ausgerüstet und geweiht werden. Nichtsdestoweniger mußten, wenn auch das Prophetenamt eine Gottesgabe und Gottes-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.