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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 80

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
2 (1899)
Article
Die Romulussage im Talmud und Midrasch
Date
1899-01-01
Page
Seite 80 (sequence 6)
Language
German
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80 auf Verpflichtungen hinweist, die man gegen verlassene Waisen hat, so hat Rom für solche Herzensregungen nur ein sarkastisches Hohnlachen: „Habt chr schon einmal gehört, daß Rom Waisen versorgt? Soll der Staat eure Waisen ernähren, denn wenn ihr Steuererlaß verlangt, um eure Waisen ernähren zu können, so ist es ja schließlich der Staat, der, auf sein Einkommen verzichtend, Waisenpflege übernimmt; von Rom dürft chr solche menschenfteundliche Fürsorge nicht erwarten, wendet euch an euren Gott, von dem ihr ja erzählt, daß er der Vater der Waisen sei." Noch um so greller tritt die herzlose und kalte Staatsraison, die der Mildthätigkeit keinen Raum gewährt, hervor, wenn zugleich darauf hingewiesen, daß Rom sein Dasein einzig und allein dem barmherzigen Gott verdankt, der den hilflosen Waisenkindern, denen die natürliche Ernährerin fehlte, eine Wölfin sandte, um sie zu säugen. „Und diese," so schließt die Erzählung bedeutungsvoll, „waren es, welche den Grund zur Erbauung der Stadt Rom legten." Hier stehen zwei Weltanschauungen sich einander gegenüber: Rom, kalt und herzlos, die Macht und Größe als einziges Ideal erstrebend, unbekümmert um soziale Wohlfahrt; ein Staat, in welchem man die Armen verhungern und erfrieren ließ, während man die Marmorstatuen im Winter sorgfältig mit Teppichen umkleidete, damit sie durch die Kälte keinen Schaden nähmen, wie R. Josua ben Levi bei einem Aufenthalte in Rom es zu seinem Erstaunen wahrnähm. (Pesikta d'Rab. Kahana, ed. Buber, IX.) Auf der anderen Seite Juda, das Volk ohne Land, aber durch sein geistiges Erbe doch mächtiger als das Weltenreich Rom. Nicht Macht und Größe ist nach der jüdischen Weltanschauung das Ideal eines Staates, denn dieses ist nicht das Bleibende; das Menschliche ist es, was das Mächtigste, das von Menschlichkeit nichts weiß, überdauert. Mit der Bibel in der Hand, deren soziale menschenfteundliche Gesetzgebung vor allem das Herz ihrer Bekenner veredelt hat, hat die Judenheit den Gang über die ganze bewohnte Erde angetreten, und hat Dank dieser Waffe sich in den Stürmen der Zeiten erhalten. Diese jüdische Bibel hat aber auch ein Saatkorn in die Erde gestreut, aus dem alles das erstanden ist, was an Edlem und Gutem die Welt erfüllt; wenn Rom

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