Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Die Romulussage im Talmud und Midrasch
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 4)
- Language
- German
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78 lismus abzusprechen sich erdreistet, auf sich hat, möge man aus der angeführten Talmudstelle erkennen. (Pefachim 118b.) Betrachten wir nun die erwähnten Sagen im Zusammenhang, so ergiebt sich daraus: Das nationale Unglück war ein selbstverschuldetes; der Unterdrücker wird allerdings nicht freigesprochen, aber die Anklage wendet sich in erster Linie gegen sich selbst; die Sittenverderbniß, der Salomo Thür und Thor öffnete, in ihr liegt der Keim des späteren Zerfalls und der Ohnmacht, über welche Rom in späterer Zeit triumphirte. Dieser Zug, in erster Linie sich selbst für alle die furchrbaren Verhängnisse, die über Israel hereinbrachen, anzuklagen, ist ein markanter in der ganzen Leidensgeschichte Israels geblieben. In all den Gebeten, welche die Leidensgeschichte Israels gezeitigt hat, in denen die Greuel der Kreuzzüge, der Blutanklagen, der Anklagen der Brunnenvergiftung in einer Sprache uns entgegentreten, die uns bis ins Innerste erschüttert, klingt der eine Gedanke immer hindurch: Gott ist gerecht, die Lüge konnte über uns siegen, weil wir gegen ihn gesündigt haben. Welche sittliche Größe liegt in einem solchen Bekenntniß; erfüllt von dem Bewußtsein der Unschuld, doch eine Schuld zu suchen, die außerhalb all der Anklagen liegt, welche mordsüchtige Gehässigkeit über ein armes Volk ausgeheckt hat! Von Bedeutung für die Schätzung der jüdischen Volksseele ist es ferner noch, daß der Glanz, den König Salomo durch seine Pracht und seine Weisheit um sich und um sein Volk verbreitete, dieses nicht hinderte, seine Schwächen zu erkennen und es nicht zurückschrecken ließ, seine Regierungszeit als den Beginn des nationalen Unglücks zu betrachten. Gerecht und unparteiisch auch gegen seine Großen, ist im jüdischen Volke kein Raum für einen Heroenkultus. Diese Ehrlichkeit des Urtheils verdankt es aber seinem Lehrbuch, der Bibel, welche die Schwächen ihrer großen Männer nicht verschweigt und sie der Nachwelt aufbewahrt hat. Bei dieser Gelegenheit sei auf eine merkwürdige Tradition, die allerdings erst spät mitgetheilt, von R. Jizchak Luria, wohl aber auf älteren Quellen beruht, aufmerksam gemacht, daß Nebukadnezar, der Zerstörer des ersten Tempels, ein Abkömmling der unsittlichen Verbindung zwischen König Salomo und der Königin von Saba gewesen sei. Daß gerade der