Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Was lehrten die Pharisäer?
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 19)
- Language
- German
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73 wurde durch die römische Uebermacht zertrümmert, nur gegenüber der Lehre Israels hat sich die rohe Gewalt immer als machtslos erwiesen. Darum haben wir daran festzuhalten, daß keine geschichtliche Erscheinung nach dem äußeren Erfolge, vielmehr nach der Größe der Gedanken, die sie in die Welt gesetzt hat und nach der Gesinnung, mit der sie behauptet werden zu beurtheilen ist, der äußere Erfolg hängt in erster Reihe von Umständen ab, die mit den sittlichen Qualitäten der geschichtlichen Mächte nichts zu thun haben. Darum müssen wir uns der Pharisäer mit Dankbarkeit erinnern, denn ihre Lehre enthält manches kostbare Gut, denn sie haben es bewirkt, daß das Judenthum in der Fluth der hellenisch-römischen Cultur nicht untergegangen ist. Wenn sie die Institutionen der Tora immer weiter ausgestaltet haben, so folgten sie nur dem Eifer, das Gebot Gottes zu erfüllen und gehorchten dem Drange der jüdischen Volksseele, die sich nur unter dem Panzer, den seine Gesetzeslehrer ihm geschmiedet haben, vor dem Untergange gesichert fühlte. Sie haben es bewirkt, daß das Judenthum eine Religion des unmittelbaren religiösen Verhältnisses geblieben, daß es jegliche Verendlichung des göttlichen Heiligkeitsideals abgelehnt, den geschichtlichen Zusammenhang mit der Bibel nicht verloren hat und die wahre Fortsetzung der Religion der Tora und der Psalmen geworden ist. Ein Philosoph behauptet, daß die Bewahrung der monotheistischen Lehre schon deshalb nicht der Beruf des Judenthums sein könne, weil der Islam den Monotheismus mit eben solcher Schärfe zum Ausdruck bringt wie das Judenthum. Das ist eine unbegründete Anschauung. Die Juden in den Ländern des Islams hätten im Mittelalter dasselbe sagen können und doch ist der Gegensatz zwischen Judenthum und Islam ein außerordentlicher gewesen. Die mittelalterlichen jüdischen Denker hatten andere Anschauungen von einem Propheten als die Muslimen und haben es gewußt, daß es ein anderes ist, den Monotheismus und seine sittlichen Forderungen aus der Tora, aus den Reden des Jesaia und aus den Psalmen zu kennen, und ein anderes, wenn man sie aus dem Koran kennt. Der Monotheismus des Korans führte zum Fatalismus, er hat die Herrschaft pessimistischer An-