Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Was lehrten die Pharisäer?
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 18)
- Language
- German
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72 gelehrten, die Überlieferungen unserer Väter kennen gelernt. Nicht nur die Lehren unserer heiligen Schrift haben sich unter dem Menschengeschlecht verbreitet, sondern auch die Anschauungen, welche den werthvollsten Theil in der Verkündigung Jesu bilden, sind im Judenthum entstanden. Und wenn das Menschengeschlecht eingedenk sein wird der Pflicht der Dankbarkeit gegen diejenigen, welche seine höchsten religiösen und sittlichen Ideale geschaffen haben, so wird sie auch den pharisäischen Schriftgelehrten zu Theil werden. Die Dialektik des Vorurtheils wird sich gegenüber den Thatsachen der Religionsgeschichte als machtlos erweisen, denn ihr Schicksal ist, daß sie sich selbst vernichtet. Aus dem Selbstzeugnisse der Pharisäer ergeben sich uns auch wichtige Schlußfolgerungen für die Charakteristik jener Zeit. Aus dem Unglück, von welchem das jüdische Volk durch die Zerstörung seines Heiligthums und den Untergang seines Staatswesens betroffen wurde, schloß man aus seine Verderbtheit und Entartung. Wie die Freunde Hiobs durch sein Unglück dazu veranlaßt werden, ihm seine Sündhaftigkeit vorzuwersen, also haben Theologen und Geschichtsschreiber, welche die Rathschlüsse Gottes genau zu verstehen meinen, den religiösen und sittlichen Verfall des Volkes, die Selbstsucht und Heuchelei der Pharisäer geschildert. In Wahrheit verhält sich die Sache ganz anders. Man hat es ausgegeben, aus den Reden der Propheten auf die Verderbtheit des alten Israel und Juda zu schließen, und doch waren jene Zeiten, in denen Jesaias und Jeremia gewirkt haben, viel schlimmer, als das letzte Jahrhundert vor der Zerstörung des zweiten Tempels. Götzendienst und allerlei heidnische Greuel sind in Israel eingedrungen, manche heidnische Sitte ist von Alters her geübt worden. Es hat aber vor der Zerstörung des zweiten Tempels keine Zeit gegeben, in der die Gesammtheit des Volkes, mit Ausnahme der gesinnungslosen Römlinge, einen größeren Eifer, eine unerschütterlichere Treue zur Tora gezeigt hätte, als während der letzten Kämpfe um das jüdische Staatswesen. Die nationale Erregung, und das leidenschaftliche Suchen nach religiöser Erkenntniß haben die Ideen geschaffen, welche wir dargestellt haben. Der Kampf hatte einen unglücklichen Ausgang, das jüdische Staatswesen