Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Was lehrten die Pharisäer?
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 14)
- Language
- German
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68 aber, die er gegen seinen Nächsten begangen, muß er vorerst von diesem Verzeihung erlangen, um vor Gott als rein erscheinen zu können. Es hat unter den Pharisäern auch Heuchler gegeben, selbstgerechte Menschen, die da sprachen: „Saget mir, welches sind noch meine Pflichten, damit ich sie erfülle^, als hätten sie schon alles erfüllt, was die Tora und die Propheten von ihnen verlangten. Davon erzählt auch eine der alten jüdischen Quellen, welche die Mängel von Persönlichkeiten und Zeiten nicht zu verheimlichen pflegen. Die Thatsache wird uns weiter nicht Wunder nehmen, denn sowie es in dieser Welt noch keinen Menschen gegeben hat, der nur „Wahres und Ewiges" verkündet hätte, also hat es noch keine menschliche Gemeinschaft gegeben, die aus lauter Heiligen und Einsichtigen bestanden hätte. Das allgemeine Urtheil aber von der Heuchelei der Pharisäer und von ihrer thörichten Frömmigkeit ist genau so viel Werth, wie manches andere Unheil über Gemeinschaften und Völker, die aus einem Vorurtheil oder aus irgend einem Gegensätze stammen. Die Pharisäer und ihre Schriftgelehrten waren, wie win schon hervorgehoben, die Vertreter der religiösen Demokratie, sie stellen den gesetzeskundigen Bastard höher als den unwissenden Hohepriester, ja als den König, denn so meinten sie, „wennderGelehrtestirbt,so haben wir nichtseinesgleichen, wenn den König stirbt, so kann — nach pentateuchischem Gesetz — jeder Jsraelite zum König gewählt werden". Sie haben das arme Volk, aus dem die Gesetzeslehrer zumeist hervorgegangen sind, stets hinter sich. Darum kann man auch nicht sagen, weil sie die Uebertreter des Gesetzes mißachteten, daß sie Verächter des armen Volkes waren. Sie waren stolz auf ihre Zugehörigkeit zu Israel, nicht so sehr wegen ihrer Abstammung, sondern wegen des Besitzes ihrer Lehre. Dem Heiden, der sich bekehrte, sprachen sie alle Rechte eines geborenen Israeliten zu. Allerdings hegten sie eine starke Abneigung gegen die heidnische Welt, insbesondere gegen Rom, das die „Segnungen der Cultur" in Judaea zu verbreiten bestrebt war, dies werden wir aber sehr begreiflich finden. i) Barajtha, Sota 22b.