Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Was lehrten die Pharisäer?
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 12)
- Language
- German
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66 wirklichen mit größtem Eifer bestrebt waren, ihr Ideal kann aber deshalb nicht als ein blos negatives bezeichnet werden. Die Armen und Gedrückten sind die Lieblinge der Schriftgelehrten, was nach dem Einfluß, den die Bibel auf sie ausübt, anders gar nicht zu denken ist. Wohlthätigkeit solle man im Geheimen üben, dieser Grundsatz war so anerkannt schon zur Zeit als der Tempel bestand, daß es besondere Einrichtungen dafür gegeben hat, um dieser Forderung, die von den Gesetzeslehrern auch später anerkannt wurdeZ, zu genügen. Es war nämlich im Tempel eine Halle, welche die „Halle der Verschwiegenen" genannt wurde, wo die geheimen Spenden für die Armen abgegeben worden sind^). So jemand fastete, durfte er es niemandem mitcheiler?), ein Verbot, dem wir auch iu späteren Gesetzessammlungen begegnen^). — Gerechtigkeit, Friede und Treue sind die Säulen, auf denen die Welt besteht^). Sie ist durch die Gnade Gottes geschaffen worden1 2 3 * 5 6 * * 9). Wer die Gebote der Tora erfüllt, oder sich mit ihrem Studium beschäftigt, soll es wegen ihrer selbst thun. Das Studium der Lehre giebt Lebenskraft dem, de^es selbstlos betreibt, wem es nur ein Mittel ist, um selbstsüchtige Zwecke zu erreichen, für den ist es tödtliches Gift'). — Alles ist in der Macht Gottes, ausgenommen die Gottesfurcht. Es ist dem Menschen überlassen worden, sich für den Weg des Lebens oder des Todes zu entscheiden. Der Mensch ist zwar der Macht des bösen Triebes unterworfen, aber Gott gab ihm seine Lehre, durch die er sich vom Bösen besteien kann3). Auf den" Bundestafeln war die Freiheit eingegraben, denn wahrhaft frei ist nur derjenige, der sich mit der Gotteslehre beschäftigt3). — Aus diesen Sätzen ersieht man, daß die Lehre von der Willensfreiheit, das Bewußtsein von der sitt- 1) S. Jer. Schekalim V, 7. 2) Sifrö 98a. 3) S. Jer. Chagiga 77d. 4) Schulchan Aruch, Orach Chajim, 565. 5) Aboth I 18. 6) Mechilta 42b. S. Jer. 7) Sifrs 72a. 79b. 89a. 99a. 131a. S. auch Sukka 49b. Bacher, Die Ag. d. pal. Am. I 235 II 27. 8) Sifrö 82b. 9) Aboth VI2.