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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 56

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
2 (1899)
Article
Was lehrten die Pharisäer?
Date
1899-01-01
Page
Seite 56 (sequence 2)
Language
German
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56 von der Bedeutung irgendwelcher geschichtlicher Persönlichkeiten ab. Es ist die Religion, welche auf den Ideen beruht, die in der Seele des Volkes Israel und Juda gereift sind, die in unserem Geiste Widerhall finden und es kann uns dabei gleichgiltig sein, von wem und wann sie zuerst verkündet worden sind. Ueberdies besitzen wir schon in der Tora, in den Schriften der Propheten und in den Psalmen eine solche Fülle von religiösen Wahrheiten, daß man nur auf diese zurückzugehen hat, um den Durst der menschlichen Seele nach dem Göttlichen zu stillen. Wohl aber ist das Wesen und das Wirken der Pharisäer für uns deshalb von Interesse, weil sie die Ueberlieferer der biblischen Lehre waren, und weil also auch die spätere Entwickelung unter ihrem Einflüsse steht. Was die Pharisäer waren, glaubte man von jeher zu wissen, das Urtheil über sie hat ebenfalls festgestanden, und doch war ihr Wesen in der Wissenschaft unbekannt, bis Abraham Geiger das Dunkel zerstreut hat. Trotz mancher Einwände, die gegen seine Ansicht vorgebracht worden sind, steht es fest, daß die Pharisäer, die in der Geschichte des letzten Jahrhunderts vor dem Untergange des jüdischen Staatswesens eine große Rolle gespielt haben, die Vertreter der religiösen Demokratie waren, welche der weltlichen Gesinnung und den Mißbräuchen des Priesteradels entgegengetreten sind. Es ist sicher, daß die Pharisäer keine stationäre Partei waren, daß sie eine ganze Menge biblischer Bestimmungen in vortheilhafter Weise modifizirt, und eine Reihe neuer Einrichtungen getroffen haben, und daß die Entwickelung des Judenthums, die sich auf Grund der Tora in dieser Zeit vollzogen hat, in der Hauptsache ihr Werk war. Man hat das gesammte Geistesleben der Juden im ersten Jahrhundert nach der gewöhnlichen Zeitrechnung auf zwei Hauptmomente zurückzuführen gesucht, auf das eifrige Bestreben, nach den Gesetzen der Tora zu leben und auf die Vorstellungen vom Lohne, der dem jüdischen Volke für die Erfüllung des Gesetzes zu Theil werden sollte, auf die mesfianische Hoffnung^). *) Grätz, IV S. 4. Schürer, Gesch. d. jüd. Volkes im Zeitalter Jesu Christi, II3 S. 964 ff.

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