Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Was lehrten die Pharisäer?
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 57 (sequence 3)
- Language
- German
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57 Wie die Juden gelebt haben, das wird nach den gesetzlichen Theilen der talmudischen Litteratur geschildert, und die Anschauungen über die messianische Zeit werden vorzugsweise nach derjenigen Litteratur dargestellt, die man die apokalyptische nennt. Die Beschreibung des Lebens unter dem Gesetz und der messianischen Hoffnung, ist aber nicht ausreichend für die Kenntniß der geistigen Strömungen und ihre Darstellung giebt noch keine richtige Anschauung vom inneren Leben der Juden, insbesondere der Pharisäer. Die apokalyptische Litteratur ist größtenteils nicht in den Kreisen entstanden, welche im Judenthum jener Zeit die geistige Führung hatten, und die messianische Hoffnung hatte in diesen Kreisen keine so große Bedeutung, wie man gewöhnlich anzunehmen geneigt ist. In demjenigen Theile der jüdischen Litteratur, in dem wir nicht nur die gesetzlichen Bestimmungen, sondern auch die Gedankenwelt der Pharisäer wiederfinden, giebt es viel weniger Stellen, welche von der messianischen Zeit, als solche, die von Gottes Gerechtigkeit, von der Nachahmung Gottes, von der Selbstlosigkeit im religiösen Leben und ähnlichen Lehren sprechen. Darum möchte ich diesereligiösenund sittlichen Anschauungen, die zum Theil in das Christenthum eingedrungen sind, zunächst vorführen. Es ist nur ein Weniges, was ich aus dem Meere der Agada schöpfend, von den Aussprüchen unserer Gesetzeslehrer erwähnen will. Es sind zumeist anonyme Bemerkungen, wir kennen nicht ihren Urheber, nur so viel wissen wir, daß diese Blüthen auf dem Boden der jüdischen Volksseele gewachsen sind. Ich beschränke mich auf die ältesten Quellen der talmudischen Litteratur und Aussprüche, bei denen bekannt ist, von wem sie herrühren, erwähne ich — mit einigen sehr wenigen Ausnahmen — nur dann, wenn der Gesetzlehrer vor der Entstehung des Christenthums gelebt hat, oder ein Zeitgenosse Jesu war.i) — Folgendes ist also das Selbstzeugniß der x) Hierin unterscheidet sich die vorliegende Darstellung "von anderen Arbeiten, die diesen Gegenstand behandeln. Ueber diese siehe jetzt Dalnran, die Worte Zesu, Leipzig, 1898, S. 61 ff. Zu den hier angegebenen Werken ist hinzuzufügen: Weiß, Zur Geschichte der