Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Die Idee der Weltschöpfung
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3111067-3111070-3111584--0415-3111680- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
43 solle, hat sie ausdrücklich gesagt, und hat seine Gott-Aehnlichkeit an mehreren Stellen als das Charakteristische des Menschen hervorgehoben. Die Bibel hat aber diese Stellung des Menschen in der Welt durch die besondere Weise der Schöpfung desselben begründet. Nicht durch das einfache Werde ist er geschaffen, als Erzeugniß der Erde, sondern Gott bildete ihn. Staub aus dem Erdboden, und blies ihm den göttlichen Hauch in die Nase. So ist er zum Herrschen und Nachschaffen berufen. Der Polytheismus kennt viele Götter, und unter diesen gute und böse; aber dieselben sind nicht gut, weil sie so wollen, oder böse aus Wahl, sondern sie sind es ihrer Natur nach, weil es das Schicksal so will; und so lieben und hassen sie nach Laune diesen oder jenen Mann. Der allgütige eine Gott dagegen hat die Welt geschaffen, weil er in seiner Allgüte und Heiligkeit das Gute will und nur das. In der Welt also ist alles, was Gott mit seinem Wort ins Dasein rief, gut; neben ihm giebt es keinen Schöpfer einer bösen Welt, keinen bösen Ahriman, wie bei den Persern, der den bösen Winter und die Wüste und das schreckliche Ungeziefer hervorgebracht hat. Und wie alles Geschaffene gut ist, so war nun schließlich auch nicht blos jedes Einzelne für sich gut; sondern es war auch alles in Harmonie mit einander, das Ganze war sehr gut, auch das uns böse Scheinende erwies sich in Wahrheit als gut. Nur vom Menschen nach seiner Schöpfung heißt es nicht: und sieh, er war gut; denn er sollte sich ja erst in Freiheit als gut bewähren. So die biblische Idee der Welt-Schöpfung; und wer nun will, mag über die kindlichen sechs Tage und den eingeblasenenOdem lachen; wir aber bedürfen auch der Umdeutung nicht. Wie mag wohl Jsrael-Juda zur Idee der Schöpfung der Welt durch Gott gekommen sein? In der Welt lebte man, von ihr war man allseitig umgeben — wie kam der Gedanke des Schöpfers hinzu? Lernte dieses Volk das Dasein Gottes und seine Schöpfer-Kraft aus dem Dasein der Welt kennen? Mir scheint: nein! Erst als Israel Gott schon erkannt hatte, fügte es hinzu: und Er ist auch der Schöpfer, Erhalter und Regierer der Welt. Und als was galt denn Gott dem Volke zuerst?