Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 4)
- Language
- German
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24 Berührung mit dem Volke ab. Ein wissenschaftliches Werk erscheint heute um so gelehrter, je weniger es verständlich ist, und ein Ballast von Citaten und Notizen vermehrt schon von vornherein dem Eindringenden den Weg in ein solches Werk. Der Grundgedanke, daß die Wissenschaft um ihrer selbst willen da sei, schließt doch keineswegs den Gedanken aus, daß ihre Früchte und Resultate auch dem Volke Nutzen bringen sollen. Dafür scheinen aber viele unserer Gelehrten gar kein Verständniß zu haben; und doch haben einzelne Forscher gezeigt, daß man sehr wohl allgemeinverständlich, ja sogar schön schreiben kann, ohne seiner Wissenschaft irgend etwas zu vergeben. In der allgemeinen Wissenschaft ist dieser Grundsatz längst anerkannt worden; nur in unseren' Kreisen ist ein solches Verständniß noch nicht zum Durchbruch gelangt. Ein einziges Buch, das im Vorjahre erschienen, das Werk von Lazarus über die Ethik des Judenthums, könnte nach dieser Richtung als edles Muster und schönes Vorbild dafür gelten, wie man die höchsten Forderungen der Wissenschaft mit der feinsten Rücksicht auf die Bedürfnisse des Volkes sehr wohl vereinigen kann. So lange wir aber keine Volkslitteratur besitzen, die die mühsam errungenen Resultate der Wissenschaft weiteren Kreisen zugänglich macht, vor allem aber, solange wir keine würdige Jugendliteratur haben, die vernehmlich zu dem Herzen und Geiste unserer Kinder spricht, so lange ist auch keine Aussicht aus Besserung vorhanden. Gerade die Besten müßten hier den Hebel ansetzen, um die Sympathie und Theilnahme weiterer Kreise für unsre Ideen zu erwecken. Die verschiedenen Versuche, welche hie und da unternommen wurden, um durch Preisausschreiben solche Werke hervorzurusen, sind leider bisher ohne Erfolg geblieben. Man darf darauf gespannt sein, ob die beiden Preisausgaben, die ein edler Mäcen unserer Wissenschaft gestellt, und die allerdings eine streng wissenschaftliche Lösung erfordern, ein besseres Schicksal haben werden. Denn auch dies ist ein Erbfehler unseres geistigen Schaffens: Es fehlt uns an grundlegenden, systematischen und zusammenfassenden Werken. Der Kärrnerarbeit ist genug gethan, es gilt jetzt die einzelnen Bausteine zu einem Ganzen zusammen zu tragen und auf den verschiedenen Gebieten unserer Wissen-