Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111070-3111583--0394-3111660- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
23 für 56000 G., Religionsbücher für 60000 G., Andachts- und Gebetbücher für 70000 G., Bibeln für 40000 G., exegeüsche Werke für 20000 G. gekauft. Und in einem Zeitraum von 250 Jahren unaufhörlicher Verfolgungen wurden von drei bis vier Millionen Menschen in verarmten, zersplitterten und bedrängten Judengemeinden mehr als sechstausend verschiedene Druckwerke hergestellt und verbreitet. Solche Zahlen reden eine deutlichere Sprache als die eingehendsten Untersuchungen, sie sind charakteristisch für dasgeistige Leben jener Zeit, sie sind ehrend für unsere alten und beschämend für unsere jungen Juden. Aber hier kommt nun wieder der Jndifferentismus der Generation gegenüber dem Bekenntnis; unserer Glaubensgemeinde hinzu. Außer den allgemeinen Ursachen, die in der Zeit selbst liegen, ließen sich noch manche andere Gründe anführen, deren Erörterung gerade hier von Nutzen wäre. Ich will aber diesmal nur einen Punkt berühren. Die Wissenschaft des Judenthums hat in diesem Jahrhundert eine schöne Renaissance erlebt. Nur Sachkenner sind in der Lage zu beurtheilen, was auf diesem Gebiete innerhalb eines halben Jahrhunderts geschaffen wurde. Und diese Arbeit mußte so zu sagen ab ovo beginnen, da es an Vorarbeiten so gut wie gänzlich fehlte. Für jeden einzelnen Zweig dieser Wissenschaft mußten erst die Grundlinien gezogen werden, dann mußte die Kleinarbeit beginnen, um die einzelnen Bausteine zusammen zu tragen. Das dauerte länger als ein halbes Jahrhundert. Die Wissenschaft des Judenthums nimmt nunmehr eine Achtung gebietende Stellung ein, sie hat viel mehr geleistet als ihre Feinde jemals zugeben werden. Aber ein Moment ist bei dieser großen Arbeit, bei all diesen Forschungen und Bestrebungen unberücksichtigt geblieben: Die. Bildung des Volkes. Wir haben keine Volkslitteratur, wir haben keine Jugendschriften, wir haben nur wenige populäre Werke, aus denen der Gebildete sich Aufklärung holen könnte über den Inhalt und die Bedeutung seiner Religion, über den Verlauf seines Geschichtslebens, über den Werth seines Geisteslebens. Ja, noch mehr. Die Wissenschaft, schließt sich gerade in den letzten Dezennien ziemlich eigensinnig und noch strenger als vordem von jeder