Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
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22 erfolgen, wenn uns Hilfe kommen foll. Es handelt sich nämlich um die Theilnahmlosigkeit der modernen Juden im Allgemeinen ihrer Litteratur gegenüber. Aber es wäre unrecht, diesen Fehler blos den modernen Juden zuzufchreiben. Liest man die deutschen litterarischen Zeitschriften, so wird man dort die beständige Klage finden, daß die Deutschen keine Bücher mehr lesen und auch keine solche kaufen; ja selbst die Franzosen, die man lange Zeit immer als das Muster einer bücherkausenden Nation ausgesührt hat, haben in letzter Zeit einen großen Bücherkrach erlebt. In Amerika herrschen genau die gleichen Verhältnisse, kurz die ganze Welt hallt wieder von dieser Klage und es wäre unbillig, die Juden allein deshalbzu beschuldigen. Die Zeitung hat eben das Buch verdrängt. Der Mann, der im heftigen Getriebe des Lebens steht, findet Tags über kaum Muße genug, um seine Zeitung durchzulesen, und in dieser Zeitung findet er alles, was in Kunst, Litteratur und Wissenschaft vorgeht, hübsch beisammen und seinem Verständniß mundgerecht gemacht. Bei den modernen Juden liegt die Sache insofern freilich anders, als sie, d. h. in ihrer überwiegenden Majorität, auch keine jüdischen Zeitschriften lesen, also weder eine Zeitung noch ein Buch. Ja, ich habe jüdische Familien kennen gelernt, die nicht einmal eine Bibel besaßen. Da klingt es wirklich säst wie eine Ironie, wenn man liest, daß die alten muhammedanischen Schriftsteller die Juden einst „das Volk des Buches" genannt haben. Sie waren aber auch einmal das Volk des Buches, und nicht blos einmal, sondern das ganze Mittelalter hindurch. Leider besitzen wir keine Statistik darüber, wie viele Bücher die Juden früher gekauft haben, aber Anhaltspunkte sür eine solche Statistik ließen sich wohl ausfinden. Die steißig bearbeitete Geschichte der verschiedenen Druckereien in allen Ländern Europas seit Erfindung der Buchdruckerkunst wäre ein interessanter Beleg zu diesem Kapitel. Ja, nur sür die Hälfte des vorigen Jahrhunderts und nur sür ein Land — nämlich sür Oesterreich — waren von einem Historiker folgende Zahlen angegeben: Nach authentischen Berichten wurden damals alljährlich allein von den Juden Oesterreichs Talmude sür 40000 Gulden, Werke, die in dies Studium einleiteten.