Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
2 (1899)
Article
Rückblick auf das Jahr 5658
Date
1899-01-01
Page
Seite 18 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3111067-3111070-3111582--0388-3111655
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

18 Ueberall, mit Ausnahme Englands, Italiens und der Vereinigten Staaten, kämpft Israel einen schweren Kampf wider seine übermächtigen Gegner. Tie Hoffnung auf baldiges friedliches und einträchtiges Zusammenwirken zwischen den Juden und ihren andersgläubigen Mitbürgern ist fast nirgends verwirklicht; man will sie nicht als rechtmäßige Söhne desselben Vaterlandes ansehen, man weist sie als Fremde, als Eindringlinge zurück. Da ist es denn ein überaus erfreuliches Zeichen der inneren Gesundheit des jüdischen Volksstammes, daß er sich solcher Mißhandlung nicht mehr, wie früher die langen Jahrhunderte hindurch, demüthig und stillschweigend unterwirft, sondern sich zu Schutz und Trutz zusammenschließt, den Millionen Gegnern, wie einst David dem Goliath, entgegentritt. Ueberall entstehen jüdische gesellschaftliche und literarische Vereine, jüdische Logen, jüdische Studentenverbindungen. Freilich wachsen dadurch immer höher und fester die Mauern, die sich trennend zwischen der jüdischen und der christlichen Bevölkerung erheben, wird das soziale und geistige Ghetto immer schärfer und allseitiger abgeschlossen. Allein das ist nicht die Schuld der Juden. Hier heißt es eben: Abfall oder Abschließung — und Abfall ist nur Sache kleinlicher und schwächlicher Charakterlosigkeit, ist Betrug seiner selbst Änd Anderer, ist eine beklagenswerthe Untreue gegen die uralte Gemeinschaft, der der Jude anzugehören die Ehre hat. Aus diesem Gegensätze wider den Antisemitismus ist auch die zionistische Bewegung hervorgegangen.*) Da die Juden fast aller Orten als Fremdlinge betrachtet würden, da man ihnen in der Verbannung das Heimathsrecht versage, müßten sie zurückkehren nach dem Lande ihrer Väter und sich dort wieder eine Heimath schassen, einen Staat, zu dem sie gehörten und der ihnen gehöre. Kein Zweifel, daß ein solcher Wunsch an sich höchst berechtigt ist, zumal für die Israeliten des europäischen Ostens — Rußlands, Galiziens, Rumäniens *) Wir hatten tu unserem vorjährigen Rückblick selbstverständlich tnit einiger Ausführlichkeit über die wichtigste Erscheinung' des Jahres, den Zionismus, gesprochen. Allein während unserer mehrmonatigen Abwesenheit hatte die geehrte Redaktion des „Jahrbuchs" aus wohlgemeinter, aber unseres Ermessens übermäßiger Vorsicht, unsere ganze diesbezügliche Betrachtung ohne unser Wissen gestrichen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.