Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5658
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 6)
- Language
- German
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10 ihnen die Juden ausgeliefert. Die schändliche Saat ging bald in furchtbarer Weise auf. Zuerst im März in Wieliczka, dann im Mai und Juni an vielen Orten Westgaliziens. Ueberall wurden die Juden geplündert, beraubt, mißhandelt, vertrieben, ihre Häuser angezündet — mit geheimer Konnivenz der polnischen Behörden. Bald aber trat ein, was jeder Verständige hätte vorhersehen müssen: die Unruhen, die sich inzwischen auch auf Ostgalizien sortgepflanzt hatten, begannen sich überhaupt gegen alle Besitzenden und besonders gegen den wahren Bedrücker und Aussauger der polnischen Bauern, gegen den Adel, zu richten. Nunmehr stieß dieser den Alarmruf aus, und die Regierung traf sofort ernstliche Gegenmaßregeln. Viele Hunderte der Unruhestifter wurden verhaftet und verurtheilt: die Greuelseenen hörten aus. Aber wer entschädigt die Tausende unglücklicher Juden für den Schrecken, die Mißhandlungen, den Verlust ihrer ganzen Habe, das Elend ihrer Familien? Der polnische Adel Galiziens hat gezeigt, daß er noch ebenso selbst- und herrschsüchtig, ebenso skrupellos und gewaltthätig ist, wie vor hundert Jahren, als er durch diese Eigenschaften den Untergang seines Vaterlandes herbeiführte. Der österreichischen Centralregierung kann man nur Schwäche vorwerfen, nicht Judenseindlichkeit. Im Gegentheil, sie ist im Februar dieses Jahres mit Erlassen hervorgetreten, in denen sie die böhmischen Beamten und Lehrer ernstlich vor dem Antisemitismus warnte. Erfteulicher ist, daß die österreichischen Israeliten sich endlich ermannen, die bisherige Lethargie abschütteln und sich zur Pflege der inneren Ausbildung sowie zur Verteidigung nach außen zusammenschließen. Im Frühjahr fand in Wien die Konstituirung des Allgemeinen österreichisch-israelitischen Bundes statt, der sich einestheils dieselben Aufgaben stellt wie der Deutsch-israelitische Gemeindebund, andererseits aber — gleich dem Berliner „Staatsbürgerverein" — auch den „Rechtsschutz gegen rechtswidrige Angriffe aus Juden und Judenthum" in sein Programm ausgenommen hat. Möge er nach beiden Richtungen eine wirksame Thätigkeit entfalten! Von Oesterreichs Schwesternation, der ungarischen, haben wir glücklicher Weise keine Thatsache zu berichten, die den beneidenswerthen Zustand unserer dortigen Glaubens-