Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5658
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 7)
- Language
- German
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11 genossen hätte beeinträchtigen können. Schwache Versuche der Antisemiten, im Parlament eine Judenfrage aufzurollen oder auf dem Lande das Blutmärchen wieder aufs Tapet zu bringen, sind kläglich mißlungen. Das ungarische Volk fühlt in seiner geistigen wie materiellen Entwickelung viel zu sehr den Segen der Freiheit, als daß es sie auf konfessionellem Gebiete einzuschränken gedächte. Nicht anders steht es um Italien. Die Versuche, den Antisemitismus durch die Presse auf der Halbinsel einzubürgern, sind an dem Widerwillen des alten Kulturvolkes Italiens gegen solche Abgeschmacktheiten jämmerlich gescheitert. Die Israeliten sind dort völlig gleichberechtigte Mitglieder der Nation geworden. Mit Recht feierten sie in diesem Frühjahr auf der ganzen Halbinsel mit Begeisterung das fünfzigjährige Bestehen der Verfassung als das Jubeljahr ihrer eigenen Freiheit. Allerdings hat unter dem Drange der nationalen und persönlichen Bethätigung ihr Eifer für das Judenthum gelitten und wäre dessen Anregung dringend zu wünschen. Welch' Gegensatz zu Italien das gleichfalls romanische Spanien! Dieser „judenreine" Staat befindet sich in so elender Verfassung, er ist geistig und moralisch, wie materiell so tief gesunken, daß sein Krieg mit Amerika für ihn nur eine Reihe hilflos erduldeter Unfälle war, von Niederlagen, die fast ohne Gegenwehr erlitten wurden und den Tiefpunkt staatlichen und nationalen Daseins bedeuten. Vier Jahrhunderte nach der Austreibung der Juden sind die Entdecker und Eroberer Amerikas endgültig aus diesem Erdtheil verjagt worden. Das ist die Gerechtigkeit der Geschichte, sie wirkt langsam, aber unwiderstehlich und gründlich. Ungewarnt von dem Schicksal Spaniens, hat sich Frankreich immer mehr auf der schiefen Ebene der Unduldsamkeit hinabgleiten lassen. Wer hätte noch vor wenigen Jahren für möglich gehalten, daß dieses Volk, das seit so lange der begeisterte Vertheidiger aller freiheitlichen und hochherzigen Gedanken gewesen ist, in wahnsinnigem, chauvinistischem Taumel den neidischen, ehrgeizigen und fanatischen Lockungen antisemitischer Agitatoren das Ohr leihen würde! Es ist das für den Menschenfreund eine der bittersten Enttäuschungen. Die Versuche, die Revision des Prozesses gegen den unglücklichen