Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5658
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 5)
- Language
- German
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9 flachen Lande Böhmens stattfanden, richteten sich gleichermaßen gegen Deutsche und Juden. In der Hauptstadt allein wurden an 800 jüdischen Häusern und Kaufläden die Fensterscheiben zertrümmert und 44 jüdische Geschäfte geplündert. Allein diese tschechischen Krawalle waren nur ein schwaches Vorbild zu den grauenhaften Ereignissen/ die sich in Galizien abspielten. Der polnische Adel dieses Kronlandes, zumal Westgaliziens, hatte seit zwei Jahrzehnten dort eine säst unbeschränkte Herrschaft geübt; er besetzte alle höheren Beamtenstellen, ließ sich als Abgeordnete nach Wien senden und spielte selbst in der Reichsregierung eine immer bedeutsamere Rolle. Die gebildeten Juden des Landes schlossen sich ihm an, und so erfreuten sich unsere galizischen Glaubensgenossen unter dem Schutze der Schlachzizen eines ruhigen und ungestörten Daseins. Allein bei den jüngsten Reichstagswahlen erhob sich in Galizien gegen die Adelsherrschast eine mächtige Opposition, die mit einem Schlage dreizehn Abgeordnetenmandate errang und in den meisten übrigen Wahlkreisen nur durch List, Beamtenwillkür und sogar durch blutige Gewalt besiegt wurde. Besonders schreckte und schmerzte die herrschende Clique der Erfolg der sozialdemokratischen Richtung, deren Einfluß von Tag zu Tag wuchs. Da gab das Organ der edlen Schlachta, der Krakauer „Czas", das Losungswort aus: „Man muß den Sozialismus durch den Antisemitismus bekämpfen." Die Geistlichkeit war gern bereit, sich auch für diese Sache in den Dienst des chr verbündeten Adels zu stellen. Demagogische Priester, die man früher verleugnet hatte, wie der berüchtigte Pater Stojälowski, wurden zu Gnaden ausgenommen, um, wohl ausgerüstet mit reichen Mitteln, gegen die Juden losgelassen zu werden. Ein katholischer Religionslehrer an einem Krakauer Gymnasium verfaßte eine Schrift, die die Juden der ärgsten Verbrechen beschuldigte und zur Vernichtung oder Plünderung ihrer Habe aufforderte; das Schandbuch wurde unbehindert - in zehntausenden von Exemplaren in der Schule und auf dem Lande verbreitet. Eine wüste Agitation, von den Pfarrern gefördert, griff allerorten um sich. Antisemitische Zeitungen wurden begründet und hetzten nach Kräften. Man erzählte den unwissenden Bauern die Mär, die Regierung habe