Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5658
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 4)
- Language
- German
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8 Litteratur" genommen haben. Schon konnte man, im November 1898, die Gründung des hundertsten dieser Vereine seiern; und seitdem ist auch jene Zahl schon überschritten worden. Kein besseres Mittel giebt es, den Jndifferentismus zu bekämpfen, als immer weitere Kreise der jüdischen Bevölkerung mit den Vorzügen unserer Religionslehre und mit den Schätzen unserer reichen Litteratur bekannt zu machen. Viel bedenklicher als in Deutschland ist die Stellung der Juden in Oesterreich. Die große Anzahl der noch in halbkultivirtem Zustande — eine Folge vielhundertjähriger Unterdrückung — lebenden Glaubensgenossen in Galizien auf der einen Seite, die Weichlichkeit und Schwäche des allgemeinen österreichischen Volkscharakters, der sich auch auf die gebildeten Israeliten übertrug, auf der anderen, haben sie zum wehrlosen Gegenstände der Anfeindung und volksthümlichen Verfolgung gemacht. Und doch ist die Sittlichkeit der österreichischen, selbst der viel geschmähten galizischen Juden weit größer als die der „Arier". Die Zahl jüdischer Verbrecher in Oesterreich ist um ein Drittel geringer als sie nach 'dem Bevölkerungsverhältniß sein müßte, und sie nimmt dabei prozentmäßig unausgesetzt ab. Die galizischen Juden aber nehmen noch in der jüdischen Verbrechrsstatistik eine ganz besonders günstige Stellung ein: während sie 68 Prozent der österreichischen Judenheit ausmachen, kommen auf sie nur 65 Prozent der an Juden bestraften Vergehungen. Das verhindert freilich nicht, daß die antisemitischen Abgeordneten in den Landtagen und im Reichsrathe die nichtswürdigsten Verleumdungen und Beleidigungen gegen die Juden schleudern; daß ihre Gesinnungsgenossen in der Wiener Stadtverwaltung die jüdischen Beamten der Commune beeinträchtigen und möglichst entfernen, alle nicht antijüdischen Humanitäts- und Bildungsanstalten grundsätzlich ausschließen. Trotz der bekannten Nichtswürdigkeit der meisten Antisemitenführer ist bei der national so gereizten Stimmung der Deutschen Oesterreichs eine Besserung einstweilen nicht abzusehen. Welche Ironie, daß in Böhmen .die Juden von dem tschechischen Pöbel angegriffen und geplündert werden, gerade weil sie der Partei der Deutschen angehören! Die Tumulte, die während des Novembers 1897 in Prag wie auf dem