Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5658
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 2)
- Language
- German
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6 Denken und Handeln, den sie unter allen Umständen ersticken möchten. Endlich ist, trotz alles pflichtmäßigen und rühmlichen Sonderpatriotismus der Einzelnen, die über die ganze Erde zerstreute jüdische Gemeinschaft zweifellos ein kosmopolitisches Element im besten Sinne und deshalb ein lebendiger Widerspruch gegen die übermäßige und krankhafte Entfaltung des Nationalitätsprinzips in unserer Zeit: ein Umstand, der dem Judenthume eine dritte Schaar von zahlreichen Gegnern erweckt. So erklärt sich die Ausdehnung und Heftigkeit des Kampfes. Allerorten vertritt dieses uralte Judenthum die Ideen des Rechtes, der Freiheit und Wahrheit, und in solchem Bewußtsein und mit solcher Aufgabe wird es endlich den Sieg davontragen. Dieses Judenthum, das schon die babylonischen und assyrischen Gewaltherrscher, das die griechischen Verleumder und die römischen Cäsaren, das die westgothischen Pfaffenkönige und die fanatischen Kreuzfahrer, die Inquisitoren und so viele scheinbar allmächtige Gegner überlebt hat, es wird auch einen Stöcker und Ahlwardt, einen Lueger und Strobach, einen Drumont und Regis sammt rumänischen, galizifchen und russischen Hamans überdauern, es wird fortleben, wenn deren Namen schon verschollen sein werden, wie die der Minister Sanheribs und Nebukadnezars. In Deutschland ist der Antisemitismus als politische Partei offenbar im Rückgänge begriffen, wenn auch der Gefühls-Antisemitismus leider keineswegs im Schwinden ist. Allein die Zahl der grundsätzlichen und organisirten Parteigenossen verringert sich täglich. Davon haben die letztjährigen Wahlen den überzeugenden Beweis geliefert. Der Hauptherd des Antisemitismus ist neben Hessen das Königreich Sachsen. Bei den im verflossenen Herbst vollzogenen sächsischen Landtagswahlen ging die ganze dortige „Reformpartei" in die Brüche, da sie nur noch einen einzigen ihrer Anhänger durchzubringen vermochte. Das war ein Vorzeichen für die Reichstagswahl im Juni dieses Jahres. Obwohl die „Reformpartei" es für zeitgemäß fand, die antisemitische Fahne auf Halbmast zu senken und darüber die Flagge „für den Mittelstand" auf Top zu hissen, fiel sie doch von 300 000 Stimmen auf 236 000 und verlor fünf Mandate gänzlich, während sie auch die meisten anderen nur mit Hilfe augenblicklicher Ver-