Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 327 (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111068-3111214--0350-3111576- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
327 „Nein, wahrlich nicht! Ein herzliches, inniges Empfinden zog mich stets zu Ihnen ..." „Dann lassen Sie mich in Ihnen meine Familie sehen und das ... das sagen Sie Recha's Vater! Ich habe ohnedies keinen Anhang, ich stehe ganz allein in der Welt, ein Mensch, der aus sich selbst gemacht hat, was er ist und der sich ganz, ganz denen hingiebt, die er bittet: nehmt mich auf! Ganz und ohne Rückhalt, ohne Beziehungen zur Außenwelt, und darum könnte ich die Zurückweisung so schwer ertragen, weil ich mich darbringe mit allen Fasern meines Lebens und weil diese nach dem Boden lechzen, wo sie sich einsenken können und Wurzel fassen. Verstehen Sie mich nun? Ich bin ein Mensch, der Vater und Mutter nie gekannt hat, Bruder nicht und Schwestern, Angehörige und Gespielen." Seine Stimme bebte und nur ruckweise, wie widerwillig entrang sich das Weitere seinen Lippen: „Ich bin — — im Findelhause ausgewachsen ... benannt nach dem Pater, der mir die Taufe gab und .. . und besäße ich nicht in diesem Medaillon das^Bildchen einer Frau, die wahrscheinlich meine Mutter war, ich würde überhaupt manchmal daran zweifeln, daß ich geboren bin." In die Bitterkeit dieses Hohnes mischte sich's wie schmerzliche Klage — er reichte das kleine unscheinbare Medaillon Samuel hin. „Man hat es bei mir gefunden und es mir gelassen, wohl weil es werthlos war." Jetzt erst gewahrte er, daß der kleine Mann aufgesprungen war, wie entgeistert vor ihm stand und mit zrtternden Händen nach dem Bildchen griff. „Das ... das ..." er fuchtelte mit den Armen in der Luft, als suche er ■ nach einem Stützpunkt ... „das ..." mit einem Aufschrei sank er auf den Stuhl zurück: „Martin ... das . . . Du ... das ist das Bild meiner Mutter ..." und als hätte ihm dieses Wort Besinnung und Ruhe wiedergegeben: „Unserer Mutter!" Es war eine Scene voll innerster Freude und ergreifender Wehmuth, die zwischen den beiden Brüdern sich nun abspielte. Mit thränenerfüllter Stinime erzählte der jüngere Bruder dem um einige Jahre älteren die traurige Leidensgeschichte dev Eltern. Und Thränen überströmten das Antlitz des Zuhörenden.