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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 323

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
Date
1898-01-01
Page
323 (sequence 45)
Language
German
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323 Marjam war neben sie getreten und sah sie mit thränenvollen Blicken an. Da raffte Recha sich auf, wie zu heldenhaftem Entschluß, und sagte mit fester, setzt ganz klarer Stimme: „Ich werde meinem Vater keinen Kummer bereiten. Ich werde dem Glauben meiner Väter treu bleiben!" Wie ein Gelöbniß klang es hinaus in den stillen Abend be§, zur Rüste gehenden Sabbaths. Während so der fromme, reine Sinn eines edlen Mädchens den geheiligten Satzungen des Glaubens und dem Gebote der Elternliebe ein hehres Opfer zu bringen sich bereitete, hatten in der Fabrik und im Hause sich inzwischen merkwürdige Ereignisse vollzogen. Als Stern seinen Chef verlassen hatte, in der Zuversicht, den Boden gelockert zu haben für die Aussaat der Duldung und Milde, welche die nächste Zeit schon von ihm fordern würde, schritt er dem Fabrikgebäude zu. Er sowohl als der Ingenieur hatten dort ihre Wohnungen. Zimmer an Zimmer hausten sie. Cs war etwas Eigenthümliches in den Beziehungen der beiden jungen Männer. Der starke, große Ingenieur hatte ein Gefühl von beschützender, weicher Zärtlichkeit für den kränklichen, schwächlichen Mann. Es war rührend, wie zart und sanft er mit ihm umging. Ordentlich leise und behutsam, wie eine Mutter mit einem verzärtelten, ängstlich behüteten Kinde. Und es war geradezu erstaunlich, wie er seiner derben, schwer zu beherrschenden Natur diese liebevolle Sorgfalt abrang. Andererseits war es Samuel, der durch seine feine, stille Art sänftigend auf Martins Wesen einwirkte. Seine vornehme, durchgeistigte Lebensauffassung, seine weise, kluge Betrachtung der Dinge blieb nicht ohne Einfluß auf die stürmische, impulsive Persönlichkeit des Anderen. . ■ Niemals hatte sich zwischen ihnen der Glaubensunterschied als etwas Trennendes fühlbar gemacht. Sie lebten mit einander wie Freunde, die, wenn sie auch ganz verschieden geartete Individualitäten waren, doch ein gemeinsames Band umschloß. Als jetzt der junge Buchhalter, noch ganz erfüllt von dem Gespräch mit Jacob Berger, an dem Zimmer des Ingenieurs vorüberging, um in das seine zu gelangen, öffnete dieser plötzlich die Thür und rief:

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