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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 322

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
Date
1898-01-01
Page
322 (sequence 44)
Language
German
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322 Sie richtete sich empor und blickte Marjam an, als diese auf ihre Frage nichts erwiderte, und was sie in ihren Augen fand, war so trostlos, daß sie aufs Neue ihr Gesicht in den Händen verbarg und leise schluchzte. Es war fürchterlich, daß die sonst so freidenkende, feinsinnige Frau ihr nichts Ermuthigendes zu sagen wußte. So gab es keine Hoffnung für sie, keinen Ausweg, denn daß sie dem geliebten Manne folgen könnte gegen den Willen des Vaters, kam ihr gar nicht in den Sinn. Recha wußte, daß ihr Schicksal besiegelt fei, wenn die Frau, die sie so treu und innig liebte, nicht einen Anhaltepunkt, einen Schimmer von Hoffnung ihr zu geben vermochte. Und sie wußte auch, daß sie ihr.Schicksal auf sich nehmen würde ohne Murren und'Klagen, in still'getragenen Schmerzen H wie eine Töchter des Volkes, dessen Größe in seiner Entsagungsfähigkeit und Qpferfreudigkeit beruht. Immer leiser wurde ihr Weinen und hin und wieder zog ein Schauer durch ihre Glieder. Auch aus Marjam's Augen flössen Thränen und sanft glitt ihre Hand über das herabgeneigte Haupt des zu ihren Mßen sitzenden Mädchens. Was hätte sie ihr sagen können? Warum war ihrem Liebling so Schweres beschicken? Unendliche Betrübniß erfüllte ihre Seele, dann aber kam es wie in stolzer Genugthuung über sie, daß sie sich in Recha' nicht getäuscht hatte. Und am richtigsten schien ihr setzt, Recha mit sich allein ringen zu lassen, mir sich allein fertig; zu werden ... nur Liebe wollte sie ihr geben, grenzenlose^ zarte, treue Liebe. Unermüdliche Sorgfalt' und Zärtlichkeit sollten sie umspielen, bis sie langsam, allmählig ihr Leid überwunden haben würde, um zu genesen. So saßen sie lange stumm nebeneinander. Sie wußten, nicht, wie spät es sei, aber der Tag verdämmerte bereits und, im Westen blitzte der erste Stern auf, gerade über dem höchsten. Schlot der Fabrik.. _ ■ „Der Vater wird Habdala machen wollen/' sagte endliche Frau Marjam. Recha erhob sich müde, wie zerschlagen von ihrem niedrigen Sitze. Ihr Blick fiel auf den' leuchtenden Stern, der üben dem Gebäude stand, in dem der herrschte, dem ihr ganzes- Leben gehörte. Langsam rollte eine Thräne die bleichen' Wangen herab, dann richtete sie sich auf und als nähme sie Abschied von der Herrlichkeit des Lebens, sprach sie tonlos r „Es steht schon ein Stern am Himmel ..."

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