Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 320 (sequence 42)
- Language
- German
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320 Wie er kam und ging, wie er lachte und sprach, was er that und dachte. Das war der Inhalt ihres ganzen Denkens. Sie konnte sich darüber nicht täuschen und sie wollte es auch nichts denn sie fand, daß es sie beglücke, so ganz nur in ihm zu leben. Und niemand ahnte und wußte es, denn es hatte ftdjja nichts geändert in ihrem Verkehr. — Es war so, wie es immer war, äußerlich, nur in ihr war es anders! Dort keimte und blühte und sproßte ein köstliches, sonniges, duftendes Blüthenleben, wie Paradiesschönheit, wie Paradiesseligkeit!' Und alle diese Blüthenkelche umschlossen nur einen zarten^ holden Traum: Die Liebe! Und wiederum sah sie nur ihn, wie er kam und ging, wie er lachte und sprach, was er that und dachte . . . und dann setzte sie sich auf eine Bank unter einem mit Blüthentrauben übersäeten Akazienbaum. Schwere, süße Duftwolken umwogten sie. Die Luft war erfüllt von den betäubenden Gerüchen, die der blühende Garten in den Spätnachmittagstunden aushauchte. Sie hatte die Augen geschlossen. Alle Dichterworte, die die Liebe besangen, zogen durch ihre Seele und dann verharrte sie bei Gretchens stammelnder Seligkeit und fiüsterte leise vor sich hin: „Sein hoher Gang, sein' edle Gestalt, Seines Mundes Lächeln, seiner Augen Gewalt Und seiner Rede Zauberfluß". . . . Zwei Arme hatten sie umschlungen, ein glühender Kusi Preßte sich auf ihre Lippen und durchströmte ihren Körper mit ungeahnter Wonne. Sie hatte die- Augen noch nicht geöffnet, als hielte ein herrlicher Traum sie umfangen. Der Traum, der emporgestiegen war aus all den Blüthenkelchen in. ihrem Herzen und aus den Blüthenkelchen dieses Gartens und aus den Blüthenkelchen der Akazientrauben, die leise und kosend ihre Stirn gestreift hatten, als sie von den starken Armen so jäh sich emporgerissen fühlte und diese Arme hielten sie noch immer. Nnn wußte sie, daß es Wirklichkeit war!' Jetzt küßte er sie auf die Augen. Langsam, innig, als wolle er sie wecken zu höchster Seligkeit, als solle sie sehen lernen,- daß die Wirklichkeit schön sei — schöner noch als der Traum. Und nun küßte er sie noch einmal und sagte ganz einfach: Du bist mein! Lange saßen sie dann noch Hand in Hand in wortloser Seligkeit, bis der niedersteigende Abend den Garten ui nächtliches Dunkel zu hüllen begann. Und jetzig fuhr mit tuirschendem Laut auf dem Kies des Vorplatzes ein Wagen