Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 319 (sequence 41)
- Language
- German
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319 Wie richtig Frau Marjam Recha beurtheilt hatte, zeigte sich in Dem, was zwischen ihnen sich abspielte, nachdem Stern die Veranda verlassen hatte. Liebevoll hatte die treue Freundin das sunge Geschöpf an sich gezogen und es zu beruhigen gesucht. Sie sprach kein Wort dabei, aber sie ließ das erregte Mädchen sich an ihrem Halse ausweinen, hielt sie sanft umschlungen und streichelte nur leise ihr weiches Haar. Allmählig besänftigte sich so Recha's Auftegung. Das Schluchzen ließ nach und wie in Erschöpfung nach dem heftigen Ansturm ihrer Gefühle ließ sie sich niedergleiten auf einen niedrigen Schemel zu Marjams Füßen und barg den Kopf in ihrem Schoß. „Recha, mein Liebling!" klang es gütig an ihr Ohr. Sie verharrte in stummem Schmerz. „Willst Du Dich mir anvertrauen? Mir, Deiner besten,, treuesten Freundin? Du weißt, daß ich Dich liebe wie eine Mutter ihr Kind." ... Sie hob ein wenig den Kopf empor, aber noch hielt sie das Gesicht geneigt wie in Scheu und Qual, als vermöchte sie nicht, sie anzublicken. „Und wenn es Dir schwer fällt zu reden, darf ich das erste Wort an Dich richten? Vielleicht befreit es Deine Seele und löst Deine Zunge." Bejahend nickte Recha mit dem Kopf, aber zaghaft und schüchtern, als fürchte sie ihr Geheimniß preisgegeben zu sehen. Marjam sah nachdenklich auf sie hinab, dann wie in raschem Entschlüsse sagte sie: „Du liebst, Recha! Du liebst Martin Krummbacher!" Sie fuhr zusammen in jähem Erschrecken. Als wäre es etwas Neues, Unerwartetes, was vor sie hintrat und was sie im engen Herzenschrein bisher gehütet hatte, wie ein Heiligthum. Und dann allmählig nuch die Zurückhaltung und erst leise und zögernd, dann mit wachsendem Entzücken löste das Geheimniß sich aus ihrem Herzen und sie erzählte mit schwärmenden Worten, was sich zwischen ihr und Martin zugetragen. Wie sie am vergangenen Montag gegen Abend, als der Vater mit Marjam nach Wien gefahren waren und Stern noch im Comtoir saß, einsam die schattigen Alleen des Gartens durchschritt. In ihrem stillen Gedanken weilte sie bei dem, was in den letzten'Wochen in ihr Dasein getreten war und mit ahnungsvollem Bangen erfüllte es sie, daß in allem, was sie empfand, worüber sie sann, doch nur Eines war: Er!