Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 317 (sequence 39)
- Language
- German
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317 Kind, bei einer jüdischen Hebeamme gebockn, die sich mit solchen, in jener Zeit der Knechtung menschlichen Willens und menschlicher Triebe nicht seltenen Fällen befaßte, wurde am 8. Tage nach seiner Geburt in's Findelhaus gesteckt. Vorher war es nach den Vorschriften unseres Glaubens „gejüdischt" worden. Solche Dinge kamen damals häufiger vor, als die Schulweisheit unserer Talmudgelehrten sich träumen ließ." Ein feines Lächeln zuckte durch seine Augen, als er Hamlet's Worte auf die Juden der Gasse anwendete. „Lea kehrte dann nach Hause zurück, siech und gebrochen. Dem Vater aber waren alle Ereignisse, die vor seiner Erkrankung lagen, völlig entschwunden, er war schwachsinnig geworden. Und als dann endlich kurz vor seinem Tyde Kobele Stern und Lea sich heirathen durften, da ging dies ohne jede Einwirkung an ihm vorüber. Kobele Stern und Lea traten in ihre Ehe, ein verbittertes, gramgebeugtes Paar, mit herben Selbstklagen sich quälend. Körperlich welk, müde, reizlos das früh verblühte Weib, kraftlos, gebrochen, abgearbeitet, unfroh der Mann. Ich bin die Frucht dieser Ehe! Und wenn ich trotz meiner Gebrechlichkeit ihnen auch Freude hätte bereiten können, sie gönnten es sich nicht, sie wagten es nicht ihres Kindes sich zu freuen, denn sie gedachten stets des Andern — des im Elend verlassenen!" Jakob Berger saß da, die Hände aus den Tisch gestützt und lauschte in athemloser Spannung. Nur hie und da gab er in leisem Aufstöhnen ein Lebenszeichen von sich. Und dann, ohne ein Wort zu sagen, ergriff er die Rechte des Erzählenden und drückte sie theilnahmsvoll. Das weckte diesen aus augenblicklicher Versunkenheit. Die Erinnerungen seiner Kindheit hatten ihn doch übermannt. „Das waren die Räthsel meiner Jugend und ihre Schmerzen" . . . fügte er mit leiser Stimme hinzu. „Meine Mutter hat sie erst gelöst, als ich zu ihr kam, ein gereister Mann, der die Wahrheit erfahren konnte, der die Wahrheit verstand!" „Und von dem Andern?" „Hat man nie etwas erfahren. Er ist gewiß elend zu Grunde gegangen an Leib und Seele. Darum hat meine Mutter nie wieder gelacht und mein Vater ist vor der Zeit alt geworden."