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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 314

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
Date
1898-01-01
Page
314 (sequence 36)
Language
German
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314 Blatt, ein rührendes, ruhmvolles Blatt von der Standhaftigkeit und Ausdauer seines Volkes? Und soll es die Errungenschaften dieser geduldig ertragenen Leidenszeit als Fluch empfinden, statt als Segen? Wofür unsere Väter gekämpft haben und gelitten und was man uns endlich gewährt hat, die Freiheit, die soll uns jetzt innerhalb unserer eigenen Glaubensgenossenschaft beschränkt werden?" Jacob Berger war ganz fassungslos. Aehnliches hatte er heute schon gehört. Hatten denn die vortrefflichsten Menschen, die er kannte, die gebildetsten und feinsten, die er mit innerstem Stolze seinem Hause zugehörig wußte, sich gegen ihn verschworen? Marjam und Stern! Sie vertheidigten Beide mit gleicher Wärme diese neuen Ideen, die seinem Hause mit Unheil drohten. Diese Beiden, denen er das größte Vertrauen schenkte, denen er ohne Besinnen sein Hab und Gut, sein Haus, sein Kind überantwortet hätte? Er fand keine Worte, um seinem Erstaunen Ausdruck zu geben. Frau Marjam gegenüber war es noch gegangen, aber dieser kleine schwache Mann stand vor ihm wie ein Prophet, gewaltig durch den Geist seiner Verkündungen. Da er ihm nichts zu erwidern wußte, fuhr Samuel fort: „Wer dürfte das thun? Wo steht geschrieben, daß unsere Jugend die Liebe nicht kennen dürfe?" Jetzt endlich hatte Berger einen Anhaltepunkt gefunden. „Die Lieb' . . ." sagte er noch immer etwas unsicher, „die Lieb . . . wer sagt das? Warum soll sie nicht lieben ihren Mann und ihre Kinder? Warum? Hat Euer Vater Eure Mutter nich geliebt und Euch nich geliebt?" Wie ein Anhauch von Schmerz zog es über Samuels Gesicht. „Aber was Extras muß es sein? In ein ftemden Menschen muß man sich verlieben, anders nich ... in ein — Goj!" Er seufzte lief auf. Jetzt aber war er in seinem Fahrwasser. „Wenn sie sich partout verlieben muß, warum hat sie sich nicht in Euch verliebt? ... Ihr seid doch auch ein gebildeter Mann und für den geistigen Ideenaustausch zum wenigsten so gut wie der Ingenieur ... mit tausend Freuden hätt' ich „Ja" gesagt ,, ." Ein wehmüthiges Lächeln umspielte den Mund des jungen Mannes. Da trat nun die Gewißheit vor ihn hin, die

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