Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 313 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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313 er dem geliebten Mädchen fest und wie beschwichtigend in die Augen, bevor er sich anschickte, ihren Vater aufzusuchen. Als er die Terrasse verlassen hatte, sank Recha laut aufschluchzend ihrer treuen Beschützerin in die Arme. * Jacob Berger hatte seinen Procuristen schon mit Ungeduld erwartet und als er eintrat, begrüßte er ihn mit den Worten: „Ich mache zwar keine Geschäfte am Schabbes, aber was ich mit Ihnen zu sprechen Hab', ist wichtig und muß erledigt sein, bevor ich Habdala mache. Ich will Ruhe haben in meinem Hause und die neuen Moden und gojischen Gebräuche von Verlieben und unglückliche Lieb' sollen nicht sein unter meinem Dache . . ." „Sie irren, Herr Berger, wenn Sie die Liebe und die unglückliche Liebe für einen gojischen Gebrauch halten . . . ich wüßte nicht, warum Liebesfreud und Leid nicht auch die Herzen der israelitischen Jugend himmelaufjauchzend machen sollte und zu Tode betrübt?" Mit weit ausgerissenen Augen starrte Berger ihn an. Darauf war er nicht vorbereitet gewesen. Samuel Stern aber hatte mit einem Schlage Weg und Richtung erkannt, um zum Ziele zu gelangen. „Wer dürfte ihr dieses Recht der höchsten Seligkeit und des tiefsten Wehs verbieten, verkümmern? So lange haben die Juden gekämpft um ihre Rechte und chr höchstes Menschenrecht sollte man ihnen nicht gönnen? Das Glück der Liebe cidelt den Menschen, das Unglück läutert ihn und diese besten Erziehungsmittel der menschlichen Natur sollte man ihnen vorenthalten? Weil sie Juden und Jüdinnen sind, sollen sie der köstlichsten Regungen nicht theilhaftig werden, die im Herzen junger Menschen emporblühen? Soll die jüdische Jugend nicht jung sein dürfen? Soll sie belastet mit einer Jahrtausende alten Vergangenheit durch das Leben ziehen, freudlos, mühselig, unlustig? Ohne das herrliche Gefühl des eigenen, jungen, ftohen Lebens . . . des Begehrens und Wünschens und Höffens? Soll Jung-Jsrael die Vergangenheit tragen als eine erdrückende Last, statt leicht wie ein