Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 312 (sequence 34)
- Language
- German
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312 und Wissen und Wirken bedenke. Eine Persönlichkeit, in derem schwachen Körper ein freier, vornehmer Geist lebt, eine Individualität ..." „Ich bitt' Sie, lassen Sie mich mit de Jndividuwalitäten aus und wenn Sie Stern sprechen, sagen Sie ihm, ich lass' ihn bitten, er möchte vor Mairew b noch mal zu mir kommen." Damit ging er durch das Hauptportal in das Haus. Die nähergelegene Freitreppe ließ er unbenutzt, weil diese über die Veranda, auf der Recha und Stern saßen, in die Jnnenräume führte. Dort hatte das junge Mädchen dem Freunde inzwischen unumwunden das Geständniß gemacht, wie sehr sie den Anderen liebe. Und der junge hochherzige Mann vermochte sich ihr zuzuwenden mit der reinsten Theilnahme, völlig unpersönlich. Seine Stärke, die ihm in den Stunden schwersten inneren Erlebens sein geistiges Gleichgewicht erhielt und die Harmonie und Würde seines Wesens zu erhabenem Ausdruck brachte, war der lautlose Triumph der Disciplin und unermüdlichen Arbeit, die er an sich vollzogen hatte. So konnte er auch auf Recha's Bekenntniß die ruhige, überlegte Antwort finden: „Ich sah es wohl, was in Ihrem Herzen keimte und sproßte, aber ich glaubte mich nicht berechtigt, davon mit Ihnen zu sprechen, bis Sie selbst es verlangten. Und jetzt? Ich stehe zu Ihnen in den Sorgen und Erregungen, die das Ereigniß mit sich bringen muß, hier ... in diesem Hause. Noch sehe ich zwar nicht, wie es möglich sein wird, Ihren Vater und Frau Marzam davon zu überzeugen, daß dem Gebote der Liebe andere Bedenken und Vorurtheile weichen müssen. Aber es muß geschehen!" Sein bleiches Antlitz schien in diesem Augenblicke wie i verklärt und er sah schön aus, als er seinem eigenen Leid diese Tröstungen für die Andere entrang. Recha blickte ihn mit dankerfüllten Blicken an und reichte ihm stumm die Hand. Langsam rollten die Thränen über ihre Wangen und als jetzt Marjam hinzutrat und chm den Auftrag des Hausherrn überbrachte, zu ihm zu kommen, sah i) Abendgebet.