Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 311 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111068-3111214--0334-3111560- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
311 es natürlich, daß Zweifel und Fragen sich chrem Geiste ausdrängen. Der erweiterte Horizont giebt ihnen neue Gesichtspunkte, der Zusammenhang mit der Welt drängt sie zu Vergleichen, dennoch fürchte ich nicht, daß dies den Jahrtausende alten Bau des Judenthums erschüttern könnte. Seine Grundpfeiler sind zu fest: der Glaube an den einzigen Gott, der starke Familiensinn, die Ehrfurcht und Pietät vor der Tradition." Allmählig hatte ihre Stimme sich zu stärkerem Klange erhoben und wie im prophetischen Geist sprach sie die letzten Worte. Jacob Berger sah sie an, als wäre sie ihm eine ganz neue Erscheinung. Was mochte über diese sonst so zurückhaltende Frau gekommen sein? Da er nicht recht wußte, was er daraus zu machen hatte, vielleicht auch für den allzu hohen Schwung ihrer Ideen doch nicht das volle Verständniß besaß, erhob er sich von seinem Platze, um in das Haus zu gehen. Frau Marjam mochte ja möglicherweise Recht haben mit dem, was sie von der jüdischen Jugend sagte, und im Allgemeinen mochte das auch ganz gut und schön sein, für seinen besonderen Fall war er aber durchaus nicht überzeugt und er sagte daher, schon im Begriff sie zu verlassen: „Ich muß Ihnen trotzdem sagen, Frau Marjam, wenn meine Tochter schon durchaus einen von die beiden jungen Leite mit den geistigen Ideenaustausch heirathen soll, so gebe ich sie eher Samuel Stern, 'wie dem Ingenieur. Stern is ä feiner Mensch und sehr klug im Geschäft, trotz seiner Fillesofieh und aus bekoweter^) Familie . . . man weiß wohin un woher und wegen dem Bischen Verdruß is er mir noch lieber, wie der Goj mit dem graden Rücken." „Und glauben Sie, daß Herr Stern so über sich verfügen ließe? Glauben Sie, daß er Recha nehmen würde, wenn er ihr aufgezwungen würde, ohne daß sie ihn liebt?" „Schon wieder die Lieb ..." brummte er halblaut. „Stern ist ein hochbedeutender Mensch. Ich erinnere mich unwillkürlich immer an das, was ich von Moses Mendelssohn gehört und gelesen habe, wenn ich sein Wesen *) Ehrbarer.