Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 310 (sequence 32)
- Language
- German
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310 nicht gelernt Französisch und Mathematik und Fillosofieh und Littratur und gelesen Alles, was schön un theuer is? Un se is gar nich reingefahren nach Wien in die „Burg" und zu de Concerte? Un se hat nix reiten gelernt und kutschiren un auf'n Billard spielen un mit den Ball . . . was Halls genutzt? Ä jüdisch Kind! Se hat de Freiheit und nimmll sich die Freiheit, sich zu verlieben in ä Goj! Die Chochme^- war groß, liebe Frau Doctor Schiffen, und die Narrischkeit war grösser ..." „Recha hat sich erst zu bewähren und sie wird es thun." Die Sicherheit und Bestimmtheit, mit der sie dies sagte, machte ihn zunächst stutzig und verfehlte nicht eine beruhigende Wirkung auf ihn auszuüben. „Sie meinen wirklich?" „Ich bin überzeugt davon, daß Recha stets den rechten Weg finden wird und daß sie, wenn auch unter Kämpfen und Leiden und Schmerzen, sich immer zu dem durchringen wird, was einer edlen und starken Natur würdig ist." „Ich will aber nich, daß mein einzig Kind Schmerzen und Leiden und Kämpfe hat, wozu Hab' ich das nöthig? Hab ich dazu gearbeitet Tag und Nacht und de Fabrik gebaut und de Villa?" erwiderte er mit kläglicher Stimme. „Es liegt nicht in Ihrer Macht, dies zu verhindern, lieber Herr Berger, mit allem Reichchum nicht und mit allem Willen," sprach sie in leisem, etwas wehmüthigen Tone. „Leiden und Schmerzen und Kämpfe sind das Erbtheil den Menschheit und in uns selbst ruht, was sie hervorruft, in uns selbst ruht, wie man damit fertig wird. ' Große Seelen werden dadurch geläutert, kleine gehen daran zu Grunde. Recha wird nicht daran zu Grunde gehen. Und fragen Sie Samuel Stern, fragen Sie Ihre Tochter, fragen Sie wen immer von gebildeten jüdischen Jünglingen und Mädchen, ob Jemand unter ihnen ist, der das Recht der freien Entwicklung und Entschließung hingeben würde, um den Kämpfen auszuweichen, die die eigene Verantwortlichkeit unvermeidlich mit sich bringt? Die Erziehung und Ausbildung, die die Israeliten heute ihren Kindern geben können, Gott sei Dank, die modernen Wissenschaften, die sich ihnen erschlossen, machen i) Klugheit.