Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 306 (sequence 28)
- Language
- German
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306 der sich dagegen sträubte, stärker als ihre Vernunft, die sie bedenklich machte und bange. Dann wieder durchdrang es ihr Inneres mit nie geahnter Seligkeit. Sie wußte, daß es die Liebe zum-Manne sei, die von ihr Besitz genommen und mit diesem süßen Geheimniß flüchtete sie zu dem andern, für den sie die wärmste — schwesterliche Zuneigung harte. Als sie zum ersten Male chm darüber Andeutungen machte, erfaßte ein gewaltiger Schmerz seine Seele. Er sah die täglich sich sicherer vollziehende Annäherung zwischen den beiden. Mit der ganzen Machtfülle einer souveränen Männlichkeit, mit der sieghaften Rücksichtslosigkeit thatkräftiger Naturen hatte Martin das holde Geschöpf an sich gefesselt und sie neigte sich ihm zu mit der scheuen und doch heißen Sinnlichkeit, die den Töchtern dieses Volkes einen so eigenartigenReiz verleiht. Samuel hatte es wohl bemerkt, daß seit den letzten Tagen ein geheimes Einverständniß zwischen ihnen bestehe und diese Anzeichen konnten auch der Kurzsichtigkeit Jakob Bergers nicht länger entgehen und der plötzlich wachgewordenen Sorge Frau Marjams. Um diesen Punkt bewegte sich daher auch das Gespräch, das sie an jenem Sabbathnachmittag miteinander führten. „Ich verstehe nur nicht, was Recha sich dabei denkt, daß sie ihn so offenkundig bevorzugt, oder glauben Sie noch immer, liebe Frau Dr., daß es nur ein harmloses Spiel ist, wie es junge Leute mit einander treiben?" Wenn er zu Marjam „Frau Dr" sagte, so war das immer ein Zeichen, daß ihn etwas ärgerte und er gab damit seinem Zweifel Ausdruck, ob sie das richtige thue, daß er sie einerseits an ihre Würde erinnerte, andererseits eine gewisse Distanz damit zwischen sich und ihr seststellte. Als Frau Dr. Schiff war sie zur Erziehung seines Kindes und Repräsentantin seines Hauses zu ihnen gekommen, eine Fremde, die große Pflichten und eine große Verantwortlichkeit übernommen hatte. Als „Marjam" war sie ihnen dann wie eineZugehörige,eiueVertraute, eine nahe Verwandte geworden. Und so markirte er nur in besonders wichtigen, feierlichen und sehr seltenen Fällen die Grenze. Heute geschah es und „Frau Dr. Schiff" wußte, was dies zu bedeuten hatte. Sie sah einen Augenblick stumm vor sich nieder, dann richtete sich ihr Auge auf Recha und Samuel Stern und