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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 305

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
Date
1898-01-01
Page
305 (sequence 27)
Language
German
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305 Väter erzogen, sie wurzelte viel zu tief in der Familie, als daß man überhaupt an so etwas hätte denken können. Martin war eben nichts, wie ein liebenswürdiger Gesellschafter, frisch, heiter, anregend. In seinem quellenden Lebensmuth so recht fter Gegensatz von dem, was bei jüdischen jungen Leuten als charakteristisch galt. Er überlegte nicht viel, zeichnete sich auch nicht durch besondere Subtilität und Feinsinnigkeit aus, dafür war er herzhaft, stramm und kernig und betrachtete die schöne Tochter seines Chefs nur als guten Kameraden — bis es eines Tages anders kam. Die Beziehungen zwischen Recha und Samuel waren von vornherein ganz andere. Er trat dem geistig hochbegabten Mädchen bald wie ein Lehrer gegenüber und während sie mit Martin in jugendlichem Frohsinn sich amüsirte, suchte sie mit Samuel einen geistigen Ideenaustausch. Die Quellen seiner unerschöpstichen Gelehrsamkeit und seines tiefen Denkens stets stisch sprudelnder Born wurden ihres Geistes belebendes Element. Sie wurde niemals müde ihm zuzuhören, wußte mit ihren Fragen ihn immer aufs Neue anzuregen und durch die Lebendigkeit ihrer Auffassung ihn zu stetig wachsendem, höherem Gedankenflug anzueifern. Er erschloß ihr die Schätze der Weltliteratur und weihte sie in die Systeme der gewaltigen Denker ein, die in der Entwickelung der Menschheit für die weiten Ziele der Kultur und Gesittung maßgebend geworden waren. Er brachte ihr die Begriffe der Logik bei, und die in ihr schlummernden edlen, feinen Regungen gewannen Form und Gestaltung in genau präzisirten ethischen Grundsätzen. Samuel Stern lehrte sie, nicht nur hr dämmernden Instinkten den Inhalt des Lebens zu empfinden, sondern ihn zu erfassen, bewußt, klar in muthiger Erkenntniß. Auch sich Rechenschaft über sich selbst zu geben, hatte sie von ihm gelernt und daraus wurde es für sie zur Gewißheit, wie sehr ihre Empfindungen im Lause dieses für ihr Leben so reichen und wichtigen Jahres sich gewandelt hatten. Sie erkannte, daß die tausend zarten, innigen Fäden, die sie mit dem jungen Gelehrten verbanden, von anderer Art waren, als die starken, festen, die sie zu Martin zogen. Hier war es ein Gefühl von Vertrauen und Vertraulichkeit, dort war es wie ein dunkles, geheimnißvolles Sehnen, wie die Einwirkung einer Kraft, der sie unterlag, die stärker war als ihr Wille, 30

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