Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 304

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
Date
1898-01-01
Page
304 (sequence 26)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3111067-3111068-3111214--0327-3111553
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

304 Sie - ahnte nicht, mit - wie grausamem Schmerz diese Worte ihn treffen mußten. Sie wußte nicht, wie heiß und stark auch in chm das Feuer der Liebe lohte und wie es seiner ganzen, gewaltigen Willenskraft bedurfte, um es niederzudrücken und sein Vorhandensein nicht einmal durch ein emporzuckendes Flämmchen zu verrathen, durch einen jähen Lichtstrahl. Nein, auslöschen mußte er dieses Feuer in seinem Herzen, dunkel mußte es für ihn sein dort, wo für andere Geschöpfe die heiligen, reinen Flammen junger Liebe entzündet werden. Für einen Menschen, der, wie er, elend und verkrüppelt war, blühten solche Lebenswunder nicht, das hatte er sich selbst unzählige Male gesagt. Von allen Opfern, die ihm das Schicksal auferlegte, war dieses das herbste und qualvollste, aber er glaubte alle diese Regungen seines reichen und doch so armen Herzens völlig niedergekämpft zu haben. Und er empfand es wie einen Glücksfall, daß das liebreizende, geistreiche Mädchen mit schwesterlichem Vertrauen an ihm hing. Aber in unendlichen Schmerzen war diese Resignation in ihm entstanden und — mit Entsetzen fühlte er, wie soeben, daß er noch immer nicht die volle Herrschaft über sich erlangt hatte. Allerdings trug das Verhalten Jakob Bergers nicht wenig dazu bei, seine Zweifel immer wieder aufs Neue zu wecken, seine Vorsätze ins Wanken zu bringen. Er sah diesen sich besonders zugethan, er bemerkte, daß er seinen Verkehr mit Recha besonders begünstige, er wußte auch genau, daß er einer Verbindung seines Kindes mit dem jungen Oberingenieur, dem Recha augenscheinlich geneigt war, aufs Aeußerste widerstreben würde. In der ersten Zeit, als sie beide in vollster Unbefangenheit der Tochter des Hauses nahten, war dies natürlich nicht der Fall gewesen. Recha scherzte und lachte mit Martin, sie machten weite Spaziergänge mitsammen, er interessirte sie für den Betrieb der Fabrik, wurde ihr Lehrer im Reiten und andern körperlichen Uebungen, die damals grade auch für die weibliche Jugend in Aufnahme kamen. Und es war eine Freude, die beiden blühenden, gesunden Gestalten neben einander zu sehen. An eine Herzensgefahr dachte weder Jakob noch die kluge Marjam, so fern lag beiden auch nur die Vorstellung, daß Recha einen Andersgläubigen heirathen könnte. Sie war viel zu sehr in der Tradition der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.