Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 303 (sequence 25)
- Language
- German
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303 Toleranz erschien und gewissermaßen den Grundpfeiler ihrer modernen Anschauungen bildete. „Es wird nie anders werden, Herr Stern," sagte sie mit leiser Stimme, „was Dichter und Denker darüber auch sagen, die Glaubensunterschiede sind nicht zu verwischen. Und nicht an ihnen liegt das, an den andern" . . . Eine jähe Rothe stieg in ihrem Antlitz auf, „viel eher sind sie geneigt uns in ihren Reihen aufzunehmen als wir sie. . . . Was würde mein Vater sagen, wenn er erführe, daß ein solcher Wunsch sich in meiner Seele regte? Und Marjam? Nichts gäbe es, die Vorurtheile zu zerstreuen, in denen sie beide besangen sind." „Befangen sein müssen, Fräulein Recha! Denken Sie an den Entwicklungsgang eines Juden aus der Zeit, aus der Ihr Vater stammt! Sie kennen die Geschichte unseres Volkes. Ist es zu verwundern, daß Mißtrauen und Scheu die Herzen erfüllt? Generationen werden kommen und gehen, Jahrhunderte auf- und niedersteigen, ehe der Geist der Versöhnung alle Menschen zu Brüdern machen wird. Darüber dürfen wir uns nicht täuschen . . . aber was bedeuten solche Zeiträume in der Geschichte der Menschheit — Augenblicke." „Darüber aber kann das Glück des Einzelnen in Scherben gehen," sagte sie bitter. Ein feines, schmerzliches Lächeln umspielte seinen ernsten Mund. „Das Glück des Einzelnen, Fräulein Recha, oder was man so darunter versteht, geht so leicht in Trümmer und aus so vielerlei wichtigen und nichtigen Gründen, daß man sich immer sagen muß, es giebt kein Glück eines Einzelnen. Oder fragen, was ist das Glück eines Einzelnen? Ich wäre auf die Antwort begierig." „O, ich wüßte sie Ihnen schon zu geben" . . . stieß sie hastig hervor. Er sah sie mit einem langen, nachdenklichen Blick an. „Sie selbst sind das Glück, Fräulein Recha! Denn Sie erfreuen so viele schon dadurch, daß Sie sind. . . . Sie geben so viel . . . Sie bereiten Freude und bringen Segen . . . Vielen." „Und nicht Einem, dem Einen," . . . kam es wie in leidenschaftlicher Klage über die zuckenden Lippen.