Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 302 (sequence 24)
- Language
- German
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302 getheilt, daß er, um schneller vorwärts zu kommen, sich entschlossen habe, Kaufmann zu werden, und so kam er in daA Haus von Jakob Berger. Dort hatte er von einem anfänglich bescheidenen Posten in verhältnißmäßig kurzer Zeit zu seiner heutigen Vertrauensstellung sich aufgeschwungen. Du er mit großer Ueberlegung arbeitete, wie ein feiner Kopf und selbstlos wie ein befreiter, jeder Kleinlichkeit abholder Geist, war es natürlich, daß er dem Geschäfte sich sehr nützlich erwies. So war es ihm auch gelungen, das Haus einmal, vor einem großen Schaden zu bewahren und ihm einen besonderen Dienst zu erweisen. Seitdem schwärmte Jakob Berger von seinem Prokuristen. Auch an dem Sabbathnachmittage, an dem über der Villa in Mödling eine heiße, stille Sonne ihre Strahlen ausgoß und eine so tiefe, echte Sabbathstimmung dort herrschte, daß es wie ein Gottessiiede war, in dem feinen vornehmen Hause, hatte Jakob Berger mit Frau Marjam Schiff über ihn gesprochen. Sie saßen beide vor der Thür der Villa, neben der breiten Freitreppe, die von der Veranda zum Garten hinabführte. Der Hausherr liebte es grade, diesen Platz im Sonnenschein des Sabbathnachmittags einzunehmen. Erinnerungen aus der Gasse, in der er seine Jugend verbracht, mochten dabei in ihm wach werden und Frau Marjam konnte diese Gefühle in ihm aus eigenem Erleben nachempfinden. Sie Leistete daher dem Hausherrn gern Gesellschaft bei dieser sabbathlichen Muße. Von Zeit zu Zeit flog ihr Blick nach der Veranda empor, auf der Recha saß, neben ihr Samuel Stern. Er las chr aus einem Buche vor und ihr belebter Blick hing an seinen Lippen. Es war wie Andacht und Begeisterung in ihrem schönen Antlitz, und in der etwas vorgeneigten Haltung, mit der sie in dem bequemen, amerikanischen Gartenstuhl saß, drückte sich die tiefste Antheilnahme aus. Sie trug ein weißes Kleid und ihre Hände ruhten über einem großen Strauß dunkelrother Rosen, die auf ihrem Schoße lagen. Es war ein Bild von eigenthümlichem Zauber, wie das schöne Mädchen, in dessen erregten Zügen sich Liebreiz mit Stolz paarten, vor dem kleinen, verwachsenen Manne saß und mit fast ehrfürchtigen Blicken ihn betrachtete. Er hatte ihr aus: „Nathan der Weise" vorgelesen, jenem herrlichen Werke, das den Juden wie eine Offenbarung der