Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 301 (sequence 23)
- Language
- German
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301 die Mutter führte die Wirthschaft und sorgte für sie beide — es machte sich Alles viel besser als er je zu hoffen gewagt hätte. Und als er dann nach einigen Jahren nach Wien ging, um auf der Universität seine Studien fortzusetzen, da verließ er das Elternhaus dankbaren Herzens. Es hatte ihm doch viel gegeben. Wer weiß, ob er je seine Fähigkeiten so hätte entwickeln können, so viel des Größten und Besten in sich aufnehmen, wenn er im Alltag gewöhnlicher Familieninteressen ausgewachsen wäre? Es war vielleicht eine andere Art Liebe, die die Eltern hatten, als die in kleiner Münze von banalen Zärtlichkeiten sich ausgiebt . . . und wenn sie sich auch dessen nicht bewußt sein mochten, ihm war es doch zu Gute gekommen. Sie hatten seinem Dasein einen ewigen Feiertag geschenkt: die Wissenschaft und die philosophische, selbstlose Auffassung des menschlichen Lebens. In Wien hatte er dann mit großen: Eifer seine Studien betrieben. Aber kurz bevor er das Doktorexamen ablegen sollte, traf ihn ein harter Schlag. Durch das rastlose, übereifrige Studiren und Lesen hatten seine Augen gelitten. Er achtete nicht darauf, bis eines Tages eine plötzlich austretende Augenentzündung ihn sehr schmerzhaft an diese Vernachlässigung erinnerte. Als die Entzündung vorüber tvar, erklärte ihm der Professor, daß sein Augenlicht derart gelitten habe, daß die Fortsetzung einer Thätigkeit, die eine besondere Anstrengung der Augen zur Nothwendigkeit mache, völlig ausgeschlossen sei. Die Gefahr gänzlicher Erblindung sei nur zu vermeiden, wenn er seine gelehrten Studien aufgeben und sich einer anderen Beschäftigung zuwenden würde. Es war eine fürchterliche Prüfung, die über ihn hereinbrach. Aber sein starker Geist, seine erhabene Denkungsweise brachten ihn auch darüber hinaus. Des Wissens Schätze besaß er, auch wenn er sie sür andere nicht fruchtbar machen konnte, ihm selbst gaben sie ein Gleichgewicht der Seele, einen inneren Frieden, der es ihm möglich machte, diesen schweren Schicksalsschlag mit Gleichmuth zu ertragen. Er wuchs hinaus, über das traurige Verhängniß und gewann rasch die Heiterkeit und die Harmonie einer in sich gefestigten Persönlichkeit wieder. Seinen Eltern hatte er mit-