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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 300

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
Date
1898-01-01
Page
300 (sequence 22)
Language
German
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300 Warum? Er hoffte immer auf ein Wunder, das eine Aenderung bewirken könne. . . . Als der Tag seiner „Bar mizwah" b bevorstand, hatte er eine Anrede an die Angehörigen und die Gäste ganz selbstständig ausgearbeitet. Das sollte die Seelen der Eltern rühren — ihm ihre Herzen gewinnen! Auch diese letzte Hoffnung scheiterte. Alle Frauen weinten, alle Männer waren voll des Lobes über Samuels ausgezeichnetes Wissen . . . man beglückwünschte die Eltern, der Rabbiner erklärte, die Gemeinde könne stolz sein auf Samuel, aber wenn Vater und Mutter diese Freude und diesen Stolz vielleicht innerlich empfanden, sie trugen ihn nicht zu Schau. Fast wie in Furcht und Beklemmung sahen sie diesen ersten und höchsten Festtag ihres Sohnes an sich vorübergehen. Und es war sichtlich wie eine Erlösung für sie, als der Tag zu Ende war und alles in die gewohnten Gleise zurückkehrte. Sie ahnten nicht, daß oben in seinem Stübchen ihr Sohn in tiefsten Schmerz sich wand und seine junge Seele sich aufbäumte und nach Fassung rang. „Was muß die Mutter leiden? Und der Vater? Und ich? Was hat Gott Schweres über uns verhängt!" Warum? Und vor dieser immer wiederkehrenden Frage, für die er keine Antwort fand, löste aus dem Persönlichen das Unendliche sich aus — in dieser Nacht wurde der philosophische Geist in ihm geboren. Er wurde von jetzt ab ruhig, fast heiter. Er betrachtete die Dinge um sich her und die Ereignisse, die in sein stilles Leben traten, nicht mehr im Zusammenhang mit sich, sondern unter den Gesichtspunkten der Ewigkeit. Mit klugem Sinn und feinem, -durchdringenden Blick. Die Schärfe der Talmudgelehrsamkeit, mit der er sich beschäftigte, gab diesen Restexionen die Prägung, die literarische Bildung,.die er sich in rastlosen Studien aneignete, die edle Form. Sein Geist war thätig, sein Denken ausgefüllt, das persönliche Begehren hörte auf. Und vielleicht grade dadurch, daß der Zwang wich, der auf diesen drei Menschen ruhte, wurde das Verhältniß im Hause viel erträglicher. Er lernte und studirte, der Vater ging seinen Geschäften nach. Eintritt in das 13. Lebensjahr.

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