Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 299 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111068-3111214--0322-3111548- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
299 Als die Hebeamme und die Gevattern die Eltern Zu ihrem „Erstgebornen" beglückwünschten, sahen diese sich stumm an und wie ein schwerer Schatten zog es über das Gesicht der Wöchnerin. Diese war sehr schwach und schon vorher leidend gewesen und so war eigentlich niemand erstaunt, als es sich herausstellte, daß das Kind verkrüppelt war. Zart und schwächlich wuchs Samuel heran. Die Eltern behandelten ihn mit größter Sorgsalt, und besonders die Mutter, die sich wieder erholt hatte, wußte in ausmerksamer Pflege sich nicht genug zu thun. Aber es war, als ob etwas zwischen ihnen stände, etwas Geheimnißvolles, Unaufgeklärtes, was es zu einem innigen Verhältniß nicht kommen ließ. Als Samuel älter wurde, zermarterte er oft seinen Kopf, um zu ergründen, warum er so scheu und fremd sich den Eltern gegenüber fühle. Es war Alles bei chnen wie in den anderen Judenhäusern. Man lebte ■ in engster Gemeinschaft, alle Ceremonien, die die Herzen so innig zu einander führen, wurden streng gehalten. . . . Samuel trat seinen Eltern innerlich nicht näher. Er sah und empfand, daß seine Mutter schwer darunter litt, daß sie sich alle erdenkliche Mühe gab, diese unnatürliche Stimmung zu bannen — vergeblich. Er liebte sie mit heißem Schmerz und leidvoller Empfindung, denn er glaubte in sich die Ursache suchen zu müssen, daß sie sich so gegenüberstanden. Aber seine Bemühungen, das Verhältniß zu ändern, scheiterten an diesem unlösbaren Räthsel, diesem traurigen Verhängniß, daß die Eltern ihrem Kinde mit einer beinahe ängstlichen Scheu auswichen. Dies auf seine unschöne, verkrüppelte Gestalt zurückzuführen, schien ihm doch nicht möglich. Denn was konnte er für das unverschuldete Unglück, das er mit großer Geduld und stiller Bescheidenheit ertrug. Alle diese Umstände machten chn frühreif, einsam und schüchtern und in dem kleinen Körper entwickelte sich eine große, nachdenkliche Seele. Während die anderen Knaben spielten und sich ihrer Jugend freuten, die sie jetzt eher genießen konnten, saß er über seinen Büchern. Seinen Wünschen, sobald er nur welche äußerte, setzten die Eltern nie einen Widerspruch entgegen, aber das was er so heiß und innig begehrte, die volle, freudige Elternliebe, zeigten sie ihm niemals. Schlimmer als das, weün sie sich unfreiwillig empordrängte, dann suchten, sie sie gewaltsam niederzuhalten.