Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 298 (sequence 20)
- Language
- German
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298 Unterdrückung, unter der -sie Alle seufzten, - der schweren Bürde, die sie Alle keuchend durch chr verhetztes Leben schleppten. Als Berger dann, nachdem der Ruf der Freiheit ertönt war, mit andern die enge, dumpfe Gasse zu Eibenschütz verlassen hatte, um draußen das Glück zu suchen, hatte er unter den vielen Geschichten, die als Wunder der Erlösung und Befreiung die Luft durchschwirrten, auch die von Kobele Stern und Lea Feiertag erzählen gehört, die nach langem Schmachten, Sehnen und Wünschen endlich heirathen durften. Später hatte er nichts mehr von ihnen vernommen. Sein Leben hatte sich abgespielt auf den breiten, jetzt geebneten Pfaden, die zum Erfolg. führten, unter den anderen im Wettbewerb des Daseins, und erst als Samuel in sein Haus kam, erinnerte er sich flüchtig dieser Angelegenheit, deren weitern Verlauf er nicht kannte. Das Alles lag längst hinter ihm, hatte auch zur Zeit keine besondere persönliche Bedeutung für ihn und war ihm nur bekannt geworden aus der Allgemeinheit der Interessen und der Zusammengehörigkeit, die wie ein unsichtbares Band die Juden umschlang. Jahrzehnte waren darüber vergangen. Während er hinausgezogen war in die Welt, war Kobele Stern damals in der Gasse geblieben, von der man allerdings sowohl die räumlichen Wälle, als die der Vorurtheile wegzuschaffen versuchte, deren Spielraum aber trotzdem keine sonderliche Erweiterung erfuhr. Man quälte sich in der „Khille", die jetzt überall stolz „israelitische Kultusgemeinde" genannt wurde, nach wie vor. Diejenigen, die damals nicht mehr jung genug waren, um es mit ganz Neuem zu versuchen, oder diejenigen, die durch bestimmte Umstände gezwungen waren, in ihren Existenzbedingungen keine Veränderungen vorzunehmen, zu diesen hatte Kobele Stern gehört. Er war zufrieden gewesen, als das Emanzipationsgesetz ihm endlich gestattete, Lea zu heirathen. Das war seine Errungenschaft aus jener Zeit, im übrigen führte er das Schnittwaarengeschäft seines Schwiegervaters Schmul Feiertag so weiter wie bisher. Von der Vergangenheit war zwischen dem Paare nie die Rede. Dennoch ruhte sie wie ein unsichtbarer Alb über ihnen. Ihr Haus war still und fromm und freudlos, und in diesem Hause wurde Samuel geboren. Dort begann seine Lebensgeschichte.