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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 297

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
Date
1898-01-01
Page
297 (sequence 19)
Language
German
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297 sicht nach gut gewesen sein für eine Zeit, wo die Daseinsbedingungen der Juden jede selbständige Regung niederhielten. Alles nivellirten und von eigenen Entschließungen und einem Selbstbestimmungsrecht bei dem armen, unterdrückten Volke überhaupt noch nicht die Rede war. Aber das waren keine religiösen Satzungen und deshalb konnte sie für Recha andere Normen gelten lassen, die mit dem Geist der Zeit und der Richtung ihrer Erziehung besser übereinstimmten. Auch traf es sich gut, daß zwei junge Männer wie Martin und Samuel in so bevorzugter Stellung in dem Hanse Bergers beamtet waren, so daß sie schon darum als dazu gehörig betrachtet werden konnten. An Recha's achtzehnten Geburtstag waren beide zu Tisch geladen worden und verkehrten nun seit fast einem Jahre in der Familie. Der junge Oberingenieur, der ältere von ihnen, war ein großer, starker, außergewöhnlich hübscher Mann. Ein Bild der Gesundheit und Kraft. Die Bewegungen seines schlanken Körpers waren voller Elastizität, der Gang stolz und fest. In Haltung und Miene der Ausdruck männlichen Selbstbewußtseins, aber ohne Ueberhebung und Anmaßung in seinem Wesen. Dieses war bescheiden, schlicht und harmlos - heiter. Das offene Gesicht war gebräunt, die dunkeln Augen blickten unter hübsch geschwungenen Brauen lebhaft und glänzend in die Welt. Die Nase war stark und gab dem Antlitz einen Zug von besonderer Energie. Das dunkelbraune Haar wellte sich über einer gut geformten, etwas vorspringenden Stirn. Im Ganzen machte Krummbacher's Erscheinung den Eindruck, als ob er ein Südländer wäre, etwa ein Spanier oder Italiener, am wahrscheinlichsten aber ein Ungar, denn er war jedesfalls Oesterreicher von Geburt und in St. Pölten bei_Wien getauft worden. Mehr wußte man nicht über ihn. Ganz anders war es bei Samuel Stern. Von dessen Vater hatte Jakob Berger schon reden gehört, als er noch daheim war in Eibenschütz und auch von seinem Großvater Schmul Feiertag, nach dem der Enkelsohn Samuel benannt worden war. Die Leidens- und Familienchroniken der Gasse pflanzten sich durch Ueberlieferung fort und man wußte in den benachbarten Gemeinden stets, was sich da oder dort zugetragen hatte. Es war ja, was den oder jenen betraf, zumeist nur ein Abbild des Elends, das auf Allen lastete, der

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