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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 295

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
Date
1898-01-01
Page
295 (sequence 17)
Language
German
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295 irdische Güter zu sammeln. Als er nach dem Kriege von 66, Len er als Militairarzt mitgemacht, der Choleraepidemie erlag, die in den Städten Böhmens wüthete, war seine Frau ganz mittellos zurückgeblieben. Sie erwarb ihren Unterhalt Lurch Unterrichtgeben, und als ihr einige Jahre später die Stellung einer Repräsentantin des Hauses und Erzieherin der Tochter von Jakob Berger angetragen wurde, nahm sie sie mit Freuden an. Recha war zehn Jahr alt, als Frau Marjam zu ihnen kam und sie sowohl, als ihr Vater hatten von Stunde an die Empfindung, daß das junge Mädchen nicht mehr verwaist sei. Sie wußte dem Hause vollste Vornehmheit und Würde zu wahren, in einem höheren Maße wohl, wie es die sehr einfache kränkliche, auf einem niedrigen Bildungsniveau stehende, zurückgebliebene Frau Jakobs vermocht hätte die nicht wie er mit den Verhältnissen sich zu erheben verstanden hatte. Marjam gewann die Liebe und das Vertrauen Ler kleinen Recha, deren erwachendes geistiges Leben sie sorgsam hütete und pflegte und in derem Herzen sie die Pietät weckte für die dem Vater heilige Tradition. Es war nicht ganz leicht, in einem jungen, reichen Mädchen, das mit allen Schätzen moderner Bildung ausgestattet wurde, die Ideen und Anschauungen einer neuen Zeit mit den veralteten Sitten und Formen des Judenhauses von ehemals zu harmonischem Eingang zu bringen. Manche Frage, mancher Zweifel mochte sich in der Seele des reichbegabten, gesund und kraftvoll heronblühenden. jungen Geschöpfes regen. Aber Marjam besaß Lie herrliche Gabe, alle diese oft wunderlichen Ueberbleibsel einer alten Kultur auf ihren poetischen Inhalt zu erklären. Sie umkleidete sie mit dem Nimbus einer Vergangenheit, deren grenzenloses Leid und Elend nur gemildert wurde durch die Jnttmität eines Familienlebens, das in diesen komplizirten Gebräuchen eine Verinnerlichung fand. Einen Zusammenhang von Hütte zu Hütte, von Herd zu Herd in der strengen Ausübung derselben. Die kluge Frau hatte viel von ihrem srüh verstorbenen Manne gelernt, der die Tiefsinnigkeit talrnudischer Gelehrsamkeit mit moderner Wissenschaft in sich vereinte. Recha sah durch sie das urväterliche Judenthum, umstrahlt vom Glorienschein eines Martyriums, das ihr weiches Herz rührte, gedeutet in einer Symbolistik, die ihre Phantasie befruchtete, und auf dem reichen, glücklichen Boden des Vater-

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