Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 293 (sequence 15)
- Language
- German
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293 Prokurist Samuel Stern die kaufmännische Seite des umfangreichen, bedeutenden Unternehmens leitete. Es war ein musterhafter Organismus in diesem Geschäfte, dessen Reellität und materielle Machtstellung in ganz Oesterreich wohl bekannt und geachtet war. Eines jener Geschäfte, die, nachdem das Emanzipationsedikt den Juden „das Recht zur Ausübung von Gewerben, Industrien, Manufakturen und steten Künsten" in Oesterreich gegeben hatte, entstand, und aus den kleinsten Anfängen zu seiner jetzigen Größe gediehen war. Fleiß, Ausdauer, die Fähigkeit, allen Schwierigkeiten gegenüber sich zu behaupten, Sparsamkeit und Bedürfnißlosigkeit hatten die Juden als ein Erbtheil aus der dumpfen Gasse mit hinausgenommen in die stische, stärkende Lust der Freiheit. Und die Freude am Besitz, der ihnen so lange vorenthalten worden war, machte sie unternehmungslustiger und findiger, während ihre ausschließlich auf den Erwerb concentrirt gewesenen Fähigkeiten diesem naturgemäß gesammelte Kräfte zubrachten. So prosperirten die industriellen Unternehmungen der Juden im ganzen Reiche. Sie gaben ihnen eine gesicherte und geachtete Stellung, verschafften ihnen Anerkennung und Zusammengehörigkeit mit den Andersgläubigen, die von ihnen vielfach die geschäftlichen Manipulationen erlernten, bis später wiederum der Neid das gute Einvernehmen störte, das die Ideale einer großen, begeisterten, humanen Bewegung geschaffen hatten. Eine ganz eigenthümliche Erscheinung war, daß diejenigen jüdischen Familien, die trotz der politischen Besteiung und Gleichheit sich ihre religiöse Sonderart bewahrt hatten, sich besonderer Beliebtheit erstellten. Zu ihnen gehörte das Haus Berger. Sein Vater hatte ihn „gebenscht"') als er, ein junger, kaum vierundzwanzigjähriger Mensch, damals die Gasse in Eibenschütz verließ und hinauszog in die Freiheit des Landes, das ihnen „allen" ein Vaterland sein wollte, das ihnen mit Jubel übernommene „gleiche Pflichten" auferlegte und „gleiche Rechte" verhieß. Dann hatte er ihm das Versprechen abgenommen, immer treu zu bleiben dem Glauben der Väter, ihre Gesetze und Gebräuche zu üben und kein „Posche Jisroel" 2) zu werden draußen unter den „Gojim". Diese hatten es ihm nicht schwer gemacht, seinem alten Vater das gesegnet. 2) Abtrünniger Israels.