Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 292 (sequence 14)
- Language
- German
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292 sommerlichen Behagens ruhte über Allem. Sabbathruhe! Jakob Berger hielt darauf, daß der Sabbath heilig gehalten werde in seinem Hause. Er hatte der Väter Sitte mit hinübergenommen in die neue Welt, die den Juden sich erschlossen, nachdem der Völkerfrühling des Jahres 1848 auch manche in der Gasse verborgenen Keime zum Blühen gebracht hatte. Er hatte die Satzungen der geheiligten Lehre nicht vergessen, als dieser Blüthen reife Früchte ihm ein glückliches, freies, gesegnetes Leben brachten. Mochte in der großen Fabrik, die in einiger Entfernung sichtbar wurde, auch der Alltag herrschen und das geschäftige Treiben der Woche, mochten die Schlote rauchen, die Maschinen sich drehen und die Arbeiter unermüdlich schaffen, im Hause selbst herrschte die weihevolle Stimmung des Ruhetages, und die festlichen Gebräuche des Sabbaths wurden mit aller Strenge beobachtet. Freilich waren diese schon gemildert und hatten feinere Formen angenommen durch den großen Stil, in dem der Hausstand Jakob Bergers geführt wurde. Aber die Urschrift war zu erkennen trotz des Palympsestes, das die neue Aera darüber hingeschrieben hatte. Jakob Berger machte Freitag Abend „Kiddusch" und an Sabbathausgang „Habdala". Barches, Fisch und Braten bildeten die vorschriftsmäßigen und rituell zubereiteten Speisen, wenn auch ein Diener in weißen Handschuhen und einer dunkelblauen Livree mit silbernen Knöpfen, die das Monogramm I. B. trugen, diese „koscheren" Speisen servierte. Berger selbst verließ Freitag Mittag das Comtoir des Fabrikgebäudes, das er vor Beendigung des Sabbaths nicht wieder betrat. Für ihn ruhten alle Geschäfte, wenn auch der Betrieb sonst keine Unterbrechung erlitt. „Der Schülchen-Aruch ‘) hat für solche Fälle kluge Anordnungen getroffen," sagte er lächelnd, „die es einem leicht machen, seinen staatsbürgerlichen Verpflichtungen nachzukommen, ohne deshalb die mosaischen Gesetze und Gebräuche übertreten zu müssen." Bergers große Cottonfabrik gab Hunderten von Arbeitern Brot, beschäftigte ein Heer von Beamten, die unter der Oberleitung des Ingenieurs Martin Krummbacher in technischer Hinsicht standen, während der erste Buchhalter und *) Gesetzsammlung von Rabbi Josef.Karo.