Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 291 (sequence 13)
- Language
- German
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291 nahm er Lea sanft bei der Hand und geleitete sie hinaus nach ihrem kleinen Stübchen. Mit einem herzzerreißenden Blick sah sie ihn an und tiefer Gram drückte sich auch in seinem Antlitz aus. Kein Wort aber wurde zwischen beiden gewechselt. Es war ein stummes Gelöbniß, das sie sich gaben. Dem Vater mußte die Schande erspart bleiben, deren bloßes Herannahen ihn schon zu Boden gestreckt hatte. In Schmul Feiertag's Haus würde es keine heimliche Ehe geben und kein „Mamser" würde den gelähmten, gebrochenen Mann eine immer sich erneuernde Kränkung bereiten. Sie beide allein hatten zu tragen, was sie verschuldet hatten. So klar stand das vor ihrer Seele, als hätten sie es ausgesprochen und miteinander verabredet. Es gab noch andere Wege, um über das Mißgeschick hinauszukommen, daß sie betroffen hatte, aus dem unstetigen Glück und tiefen Leid ihrer Liebe zu einander. Kobele Stern kannte diese Wege. Er hatte in schlaflosen Nächten mit Entsetzen daran gedacht, daß sie betreten werden könnten. Jetzt mußte es sein. Am nächsten Morgen hatte Lea die Gasse verlassen. Schmul Feiertag erholte sich nur langsam. Das Gedächtniß hatte er fast ganz verloren und seine linke Seite blieb gelähmt. Aber Kobele Stern hatte ihm alle Arbeit und Sorge für das Haus abgenommen und der alte Mann mochte niemanden um sich leiden als ihn. Nach Lea stagte er gar nicht und auch, daß die Großmutter, den Auftegungen jenes Abends erlegen und einige Tage vor Roschhaschano zu Grabe getragen worden war, war eindruckslos an ihm vorübergegangen. „Er ist ganz „meschugge" und weiß von nix," sagte Feifele Schammes, wenn von Schmul Feiertag die Rede war. » * * Sabbathstille herrschte in der vornehmen, schönen Villa, die Jakob Berger in Mödling bewohnte. Die heiße Sommersonne flimmerte goldig über dem dichten Geäst der Bäume, das sie aber nicht zu durchdringen vermochte. Angenehme Kühle durchzog den großen Garten, in dem, wie eingebettet in das grüne Laub, die Villa stand. Auch die Veranda des Hauses lag im Schatten und ein Hauch stillen Friedens,