Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 290 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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290 Auf dem weißen Tischtuch ist Wein, und Fisch und Barches zum Vespermahl angerichtet, auch ein Stück Braten winkt verheißungsvoll . . . gewiß, es soll ein „Scholes seudot" werden, behaglich und freundlich wie immer. Der meschuggene Feifele hat ihn in unnütze Aufregung versetzt mit seinem Geschwätz. Noch zittert er am ganzen Körper, die Füße tragen ihn kaum, alle Pulse fliegen und das Herz hämmert ihm in der Brust wie ein Schmiedehammer. — Hatte Lea nicht bemerkt, welche Veränderung mit ihm vorgegangen war, als sie jetzt plötzlich vor ihm niederstürzte, seine Knie umklammerte und mit schluchzender Stimme ausrief: „Vater, Vaterleben verzeih! Verzeih; Stoß mich nicht weg ... laß uns von Reb- Jainkew Pollaczek Kiduschen geben!" ... Mit Blitzesschnelle verbreitete sich in der Gasse die Nachricht, daß Schmul Feiertag zwischen Minche und Mairew vom Schlage getroffen worden sei. Sofort waren der „Row" *) und der „Roschekol"3) zu ihm geeilt. Werkthätiges Mitleid drängte sich von allen Seiten hinzu. Die Frauen beschäftigten sich mit der „Bobe Zorel", die völlig stumpfsinnig geworden, gar nicht wußte, was um sie vorging. Lea war ganz gebrochen, kauerte in einem dunkeln Winkel des Zimmers und stierte wie geistesabwesend vor sich hin. Und ab und zu kamen wimmernde Laute über ihre entfärbten Lippen. Nur einen hatte der Schrecken der letzten Stunde nicht zertrümmert, sondern zu ungeahnter Kraft erhoben, Kobele Stern. Der schüchterne, gedrückte junge Mann war wie umgewandelt. Ruhig und besonnen traf er alle Anordnungen, die der traurige Fall erforderte. Er ließ sofort den Chirurgen holen, der durch einen Aderlaß Schmul Feiertag wieder zu sich brachte. Er entfernte die unruhigen, geschäftig allerhand überflüssige Dienstleistungen verrichtenden Männer von dem Erkrankten. Er erkannte sogleich richtig, daß, so gut gemeint alle diese Bemühungen auch waren von den, bei jedem Unglück besonders innig und intim zu einanderstehenden Glaubensbrüdern, dem Patienten von einem verständigen Arzt sicherer zu helfen sei, als von den Mitgliederndes „Bikur Cholim"3v die sich um ihn versammelt hatten. Er sorgte dafür, daß der Kranke Ruhe fand, mit einer Energie, die niemand in ihm vermuthet hätte und als allgemach sich die Leute entfernten, die sowohl im Hause, als auf der Gasse sich eingestellt hatten. v) Rabbiner. 2) Vorsteher. 3) Krankenverein.