Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 289 (sequence 11)
- Language
- German
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289 wäre, sich damit befassen zu müssen. Wenn er nach „Kebolas Schabbes" aus Schul kam, stand sie hübsch und bescheiden da, um seinen Segensspruch zu empfangen und immer mit besonderer Emphase sprach er über ihrem geneigten Haupt die Worte: „Gott lasse Dich werden wie Sarah, Rebekka, Rahel und Lea" und sang mit leiser Stimme: „Eschet ehajil mi iimza“2), ehe er Kidusch machte. Und nichts anderes sah er in ihr, wie die „Perl", die sein Weib Channe ihm in ihr zurückgelassen hatte. Die alte, müde Großmutter, deren geistige Fähigkeiten niemals besonders große gewesen, auch als sie noch sung war, kannte nichts anderes, als" den ewigen Kreislauf der Gasse. Die vom Glauben vorgeschriebenen Monotonie, stillsten, Pflichtvollsten Frauenlebens, mit seiner aus dem Lande der Väter in die Fremde mithinübergenommenen Engniß, und der Unterwürfigkeit orientalischer Eheformen. Daß irgend etwas anderes sich ereignen könne in diesem Rahmen, der so fest gefugt war durch Brauch und Sitte, das hätte ihr beschränkter Geist niemals begreifen können. Aber die Frauen in der Gasse sahen Lea schon seit vielen Wochen kopfschüttelnd nach, wenn sie bleich und scheu, in vornübergeneigter Haltung vorüberschlich, und wennFeifeleSchammes heute zu Schmul Feiertag so merkwürdige Dinge redete, so geschah dies nicht nur aus eignem Antriebe. Er hatte gewissermaßen eine Mission. Es schien manchem in der Gemeinde gerathen, wenn Schmul Feiertag sich mit einer „Bodenhochzeit" begnüge, ehe er schlimmeres erlebe. Aber es traf ihn doch, und anders als man erwartete. Als Feifeie, nachdem er seine diplomatische Sendung erfüllt zu haben glaubte, ihn verlassen hatte, trat Schmul nach einigem Zögern in die Stube. Er sah sich in dem kleinen Raum um, als wäre er für ihn plötzlich eine fremde Welt geworden. Was wollte eigentlich das närrische Männchen von ihm und warum kümmerte er sich um seine Angelegenheiten? War er ä Schadchen, wie Avromele Danziger, daß er ihm sein eigenen Commis Kobele Stern für seine Lea redete? Er kennt den Bocher selber gar nix, er weiß gar nix, daß er fleißig ist und ehrlich und anhänglich? . . . Aber er weiß auch, daß er niemals sein „Edan" werden kann. — Und dort neben dem Tisch steht er und Lea dicht dabei. . . . Eingang des Sabbaths. 2) Lob des Biederweibs. 19