Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 286 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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286 „Was schreit Ihr, Reh Schmul? Warum? Kobele ist kein braver Jung? Un fleißig und bekowetfl? Un grad gewachsen. Gott behüt, sie soll'n nich derwischen für die Balmechomes3).. Das wär ä Unglück for euch." ... „Wie so for mich? Ich krieg gar kein ander Jüngel in den Laden?" ... antwortete Schmul Feiertag gereizt, „das Kunststück wird gar kein anderer nich kennen? Spaß! Ich Hab schon in mein Leben gesehen a Menschen, was verkauft Schnittwaaren, un was ä Ell kann unterscheiden von ä Kanone. Ewscher3) wird's nix schaden, wenn er sich jetzt ämal ä Kanone ansieht oder ü Pixtol." ... Der Zorn Schmul's schien ganz unbegreiflich, denn Kobele Stern war wirklich treu und bescheiden und seinem kleinen Handel fast unentbehrlich, wenn er draußen in den Dörfern umherzog. Dazu ein entferntes Geschwisterkind, das ihm also durch die bei den Juden so hochgehaltenen Verwandtschaftsbande nahe stand. Es mußten daher tiefer liegende Gründe sein, die seine Erbitterung und seinen Hohn hervorriefen. Vielleicht mochte eine innere Stimme ihm das schon manchmal gesagt haben, was er in der nächsten Minute zu hören bekam und wovor er Aug und Ohr absichtlich bisher verschlossen gehalten hatte. Aus Furcht und Scheu und hilfloser Zaghaftigkeit vor einer Gefahr, die er beseitigt glaubte, wenn er sie nicht sah — nicht sehen wollte. „Man weiß nix in der Gass', daß Kobele und Eure Lea sich gern haben? Man sieht nix? Man merkt nix? Freilich, die Bobe Zorel sieht nix, denn ihre Augen sehen nich scharf, un se merkt auch nix, denn der Chochemfl aus der Manischtane") heißt nix Zorel, aber deswegen weiß es doch jedes Kind, wie's um die Beiden steht ..." Lea ballte die Hand fest zusammen und preßte sie auf ihren Mund, um einen lauten Aufschrei zu verhindern. Da stand es, das lang behütete Geheimniß, riesengroß, dreist und schamlos ... Da stand es in der heißen Spätnachmittagssoune, die draußen über den Hügeln, die das Städtchen umgrenzten, den Horizont schon mit den sanften Farbentönen des sich neigenden Tages färbte. Da stand es gewaltig, mit erhobenem Haupte vor dem Vater, in dem stillen Frieden tzes Sabbaths mit schrillen Tönen seine Existenz ankündigend. i) anständig. i) 2) Soldaten. 3) Uebrigens. 4) Kluge. 5) Ein Absatz der Hagaga des Sederabends.