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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 285

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
Date
1898-01-01
Page
285 (sequence 7)
Language
German
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285 er jetzt so dicht vor Schmul, daß dieser von seinem Sessel sich nicht hätte erheben können, ohne das zapplige Männchen umzustoßen. In diesem Augenblick war die Großmutter erwacht, hob ihre trüben Augen zum Himmel, um nach dem Stande der Sonne die Zeit bestimmen zu können und stand schwerfällig auf, um ins Haus zu gehen und das „Scholosch seudot" lVesperbrod nach dem Minchagebet am Schabbes) zu richten. Sie sah Feifele Schabbes im Gespräch mit ihrem Schwiegersohn und sagte, als sie ins Zimmer trat und Lea am Fenster sitzend fand: „Feifele is beim Taten *), wer weiß, was er ihm für Narischkeiten sagt" . . . damit ging sie zu dem mit zinnernem Geschirr besetzten Schranke, der damals in keinem jüdischen Hause fehlte und stellte die Geräthschaften für das Mahl aus den Tisch. Auch den Becher mit Wein, das Wachslichtel und die Pjomenbüchse?) für die auf das Vespermahl zu Ausgang des Sabbaths folgende Habdala. Aber zwischen Lipp und Kelchesrand. . . . Zwischen Mincha und Mairew hatte das Schicksal furchtbare Zerstörungen in dem frommen, einfachen, stillen Judenhause angerichtet und alle guten Geister der Sabbathruhe daraus verscheucht. Als Lea hörte, daß der geschwätzige Feifele Schammes draußen bei ihrem Vater sei, erhob sie sich von ihrem Platze und ging mit leisem Schritte hinaus. Im Rahmen der Hausthür, die die Großmutter offen gelassen hatte, blieb sie stehen, ungesehen von den beiden, die in einem erregt geführten Gespräch nicht darauf achteten, daß jemand in ihrer Nähe war. Lea sah bleich aus und fuhr erschreckt zusammen, als ihr Vater mit heftiger Stimme ausrief: „Kobele Stern? Seid Ihr meschugge3), Feifele? Die Sonn is euch wohl in Kopp gestiegen? Oder habt Ihr in Schul den Kidduschwein ausgetrunken, oder is euch der „Scholet" angebrenzelt? Oder vielleicht gar möcht ihr den Metternich a Dröschet sagen . . . meschugge . . . ganz meschugge, Kobele Stern!" Lea drückte sich tiefer in den Schatten der Hausthür, als Schmul Feiertag diese Worte hastig hervorsprudelte. Sie wagte kaum zu athmen, aber mit gespannten Sinnen lauschte sie auf Feifele's Antwort, denn daß dieser keine schuldig blieb, wußte sie, wie jedes Kind in der Gasse. i) Vater. -) Gewürzbüchse. 3) verrückt. 4) Predigt.

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