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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 284

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
Date
1898-01-01
Page
284 (sequence 6)
Language
German
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284 von einem Bein auf's andere nnd grinste so, daß die Winkel des schmalen Mundes sich zu beiden Seiten in den langen struppigen Bart völlig verloren. „Er derf taffe1); mehr kann man nich verlangen . . . was wollt Ihr Reb, Schmul?" ... „Schlimm genug" . . . antwortete dieser und ein Ausdruck von Kummer und Zorn beschattete das bis jetzt heitere Antlitz. „Warum? Wir andern zahlen nicht die Familientax, und den Contributionszuschlag und die Verzehrungssteuer? Un vor'n Krieg, un vor'n Frieden, und das mer überhaupt leben dürfen und Chasswe scholem3) sterben? Un ddafür erlaubt man unfern Kindern nicht zu heirathen; Ä Erstgeborener muß man sein! Und wenn keiner da is? . . . Darf man keine Eininkel haben? Darf man sich keinen Sohn einsetzen, der Kinder bekommt, die einem einmal Kadisch nachsagen?3) .. Was geht das dem Staat an, was ich thu mit meine Söhn und Töchter... gebt er mer etwas dazu? Sommer4) verkehrt! Er nemmt, wo er was kriegt, un wo nischt is chappt er auch noch darnach." ... So tiefgehende politische Gespräche waren sonst nicht Schmul Feiertag's Art. Aber Feifele Schammes hatte mit seinen Mittheilungen eine wunde Stelle seines Herzens berührt. Auch er hatte eine Tochter, die hübsch und kräftig und gesund emporgeblüht war. Wer sie genauer beobachtete, sah in ihren Augen ein heimliches Feuer lodern, ihr Gang und ihre zur Ueppigkeit neigende Gestalt deuteten darauf hin, daß sie heißen Naturells sei und daß unter der züchtigen Außenseite das Begehren und Verlangen junger Sinne sich barg. Lea war ein" sehr schönes Mädchen und der Vater seufzte tief auf, als er daran dachte, daß diese Blüthe bestimmt sei zum Verwelken und Absterben. Er konnte ihr keine Mitgift geben, wie Leib Pulvermacher seiner Pessel und nicht einmal einen Schlemihl und Amhorez hätte er für sie zum Manne bekommen können, selbst wenn er für das Familiantenrecht, diese in der Gasse geradezu verachteten Eigenschaften mit in den Kauf genommen hätte. „Feifele Schammes beobachtete mit listigen Blicken unter buschigen Augenbraunen hervor den erregten Mann, der auf seinem Lehnstuhl sich emporgereckt hatte. „Un Kobele Stern?" ... seine Stimme klang heiser und flüsternd, fast lauernd brachte er diese Frage vor. Dabei stand i) grabe. 2) Gott behüte. 3) das Todtengebet. 4) vielleicht.

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